Literatur - The Tribe
The future of the Gians
“Mouse, Mouse, komm schnell!” Mouse erschrak und betrachtete mit einer bösen Vorahnung den jungen Mann, der ungefähr ihrem Alter entsprach. Zur gleichen Zeit war sie bereits aufgesprungen um den davoneilenden nachzurennen. Schon nach wenigen Metern waren sie an einer der wenigen für die Gians typischen Hütten angelangt.
Mouse kannte diese Hütte nur all zu gut. Zögernd stand sie vor der Hütte, sich nicht trauend einzutreten, doch noch ehe sie sich abwenden konnte wurde sie am Ärmel in die kleine, enge Hütte gezogen. „Er hatte einen Rückfall, wenn wir nicht bald etwas tun dann“ ihr Begleiter traute sich nicht den Satz zuende zusprechen, weil er genau wusste, wie sehr ihr die im sterben liegende Person am Herzen lag.
Langsam, ängstlich kniete sich Mouse neben das niedrige Bett, das aus allem geschaffen war, was die Natur zu bieten hatte. Sorgenvoll betrachtete die den einst so stattlichen Mann, der in dem Bett eng eingekuschelt in Decken lag. „Hawk.“ Sprach sie leise und sanft, jedoch mit einem leisen Zittern in ihrer Stimme. Während sie dies sagte strich sie ihm liebevoll, beinahe wie eine Mutter ihrem Kind eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Langsam öffnete der angesprochene seine Augen. Es war nicht schwer zu erkennen, dass dies ihm bereits viel Kraft kostete.
„Wie fühlst du dich?“ Mouse hätte sich dafür in diesem Moment am liebsten geschlagen. Wie sollte es schon einem abgemagerten, Viruskranken, der nicht mehr lange zu leben hatte gehen? „Es geht, mach dir nicht so viele Sorgen, ich schaffe das schon.“ Hawk wollte zuversichtlich klingen, was ihm jedoch mehr schlecht als recht gelang.
Mouse stiegen unwillkürlich Tränen in die Augen, „Hawk du hast, wenn wir nicht das Gegenmittel finden kaum eine Chance!“ Er sah ihr einmal kurz, tief und Fest in die Augen, schloss dann die seinigen. Ein leiser, aber dennoch sehr tiefgründiger Seufzer war seine Antwort auf ihre Feststellung.
„Ich werde in die Stadt gehen“ „Mouse, das kannst du nicht machen! Du weist dass die in der Stadt noch mehr betroffen sind, das ist zu gefährlich! Tu das nicht!“ „Tiger, ich pass schon auf mich auf, es wird mir nichts passieren.“ „Aber wo willst du denn suchen?“ Tigers Besorgnis war nicht zu überhören. Er sah sie bittend und flehend an, hoffend, dass sie erweichen und bleiben würde. „Ich werde zu Mall gehen.“
Mit einemmal änderte sich Tigers Gesichtsausdruck. Nun war nicht mehr der bittende und flehende Ausdruck zu erkennen, sondern der überraschte verdutzte, der für ihn so typisch geworden war. „In die Mall? – Aber da ist niemand mehr, nichts mehr, seid dem die Mallrats fort sind.“
Mouse senkte kurz ihren Blick. Ihre Miene verdunkelte sich. Einen Moment konnte man tiefe Trauer auf ihren Gesicht sich wiederspiegeln sehen. „Ich weiß, ich weiß Tiger. Aber vielleicht, habe ich Glück und es ist noch was zurückgeblieben. Ich muss es einfach versuchen, für Hawk, für uns, für alle!“ Mouse wendete ihren Kopf wieder Hawk zu, der immer noch in der gleichen Pose verharrend mit geschlossenen Augen da lag.
Langsam, vorsichtig und sanft strich sie ihm über das gegraute Haar und flüsterte ihm ins Ohr: „Halte durch Hawk, halte einfach nur durch.“
Dann stand sie langsam, ihren Blick noch immer auf Hawk gerichtet auf. Ihre Blicke lösten sich langsam von dem sterbenden und richteten sich festentschlossen auf Tiger, der sie noch immer voller Angst ansah. In seinem Blick war all die Besorgnis zu lesen, die sich in ihm breit gemacht hatte. Bittend sah er Mouse an, die wohl einen knappen Kopf kleiner war und so zierlich, voller Entschlossenheit vor ihm stand. Mit einemmal gab er sich einen Ruck, zog sie an sich und umarmte sie so feste, als würde er sie jeden Moment für immer verlieren. Mouse erwiederte die Umarmung, drückte ihn ihrerseits einmal kurz und kräftig an sich, löste sich von ihm und ohne sich noch einmal umzusehen verließ sie die Hütte.
Zielstrebig, ohne sich umzusehen ging sie auf ihre Hütte zu, schnappte sich den Rucksack der in der Ecke neben dem Bett ruhte und lief nur wenige Augenblicke später rüber in die Vorratshütte, die fast geradeaus von der ihren lag. Mouse wusste genau, welche Lebensmittel wo waren.
Immer wieder fasste sie gezielt ins Regal hinein und steckte das ein und andere in ihren Rucksack. Aus dem kleinen Schrank hinter der Tür holte sie sich noch ein großes Messer. Leise murmelte sie vor sich hin „Besser ist besser.“ Kaum hatte sie ihre sieben Sachen gepackt verschwand sie auch schon raus ins Freie.
An der Schwelle der Hütte blieb sie stehen, schaute noch einmal über das große Rund aus Hütten, betrachtete gedankenverloren das niedrige Feuer, welches in der Mitte des Platzes unbeaufsichtigt vor sich hinloderte. Noch einmal zog sie intensiv die Luft durch die Nase, seufzte, schulterte den Rucksack fest und machte sich dann auf, auf in die Stadt, die schon lange nicht mehr gesehen hatte. Sie wusste ganz genau, dass es nicht einfach werden würde, aber genauso wusste sie den sterbenden Freund in der Hütte, der ihr wie ein Vater war. Er hatte ihr so viel Liebe entgegengebracht wie alle Mallrats zusammen. Er hatte ihr gezeigt, wie sie im Wald zurecht kam, lehrte sie die Weisheit der Gians.
Tiger stand im Türrahmen von Hawks Hütte. Schaute Mouse nach. Seine Augen glitzerten leicht von der Feuchtigkeit der Tränen, die sich heimlich in seinen Augen gebildet hatten. Verstohlen wischte er sie weg. Noch bevor Mouse ganz im Dickicht des Waldes verschwunden war drehte er sich langsam weg und begab sich wieder ins innere der Hütte um nach den sterbenden Freund zu sehen.
Mouse kannte den Pfad, auf dem sie dahinwanderte all zu gut. Als sie ihn das letzte mal benutzt hatte, war er längst nicht so zugewuchert, wie er es dieses mal war. Immer wieder gab es stellen, an dem das große Pfatenmesser, welches sie in der Hütte eingepackt hatte zum Einsatz kam. Schritt für Schritt kämpfte sie sich voran. Ab und an klatschten ihr die zurück schnellenden Zweige gegen ihre Gliedmaßen. Anfangs spürte sie jeden einzelnen Schlag noch ziemlich genau, doch nach einiger Zeit war ihr dieses schier egal. Sie hatte nur den sterbenden Freund vor Augen, der da Gegenmittel so dringend brauchte. Sie war die letzte Hoffnung, die ihm noch geblieben war. Mouse wusste dies.
Nach einer schier endloserscheinenden Zeit kam sie aus dem Dickicht heraus, heraus aus dem Wald ins Freie, auf die Felder und wiesen, die vor der Stadtlagen.
Mouse schaute von oben herunter, ließ ihren Blick über die weite so friedliche Ebene schweifen. Plötzlich hafteten sich ihre Blicke an einen Baumstumpf fest. Sie ging auf ihn zu, setzte sich auf ihn mit einem Seufzer und packte erst einmal ihren Rucksack aus, um etwas zu trinken und ihre Wunden, die sie davon getragen hatte zu versorgen. Zu ihrem Glück war keine einzige wirklich tief.
Schon nach kurzer Zeit machte sie sich wieder auf, begann mit dem Abstieg in die Stadt. Immer wieder kamen je nachdem wo sie vorbei kam Erinnerungen aus alten Zeiten zurück. Aus Zeiten, in denen sie noch eine Mallrat war, aus einer Zeit, in der sie nicht zurück gelassen wurde, allein für immer.
Immer wieder sah sie Amber vor sich, Salene, wie sie sich um sie kümmerte, Sammy, wie sie sich mit ihm freundschaftlich Zankte. Alles Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit. Damals, als sie noch ziemlich klein war hatten sie die Technos besiegt. Mouse war damals schon bei den Gians, bekam von den Aktionen nur wenig mit.
Und dann? Dann flohen die Mallrats plötzlich aus der Stadt, ohne ihr bescheid zu sagen, sie einfach zurück lassend. Mouse hatte es ihnen nie verziehen, zu groß war der Schmerz, dass sie in Vergessenheit geraten war, einfach so, obwohl sie doch auch einmal zu dem Stamm der Mallrats gehörte. Sie verstand es nicht. Wie konnte man sie einfach vergessen? Mittlerweile waren die Jahre ins Land gegangen und Mouse war so einer jungen, hübschen, selbstbewussten, erfahrenden Anführer der Gians geworden. Sie hatte gelernt mit der neuen Situation zurecht zu kommen. Jetzt war sie es, die die Verantwortung trug.