Literatur - The Tribe

 
Ambers Leben bei den Gians

Dunkelheit, mein Kopf dröhnt, langsam öffne ich die Augen, überall ist Rauch. Ich huste, es tut weh. Ich versuche mich aufzurichten, mühsam klammere ich an einem der Rohre fest. Panisch sehe ich mich nach dem Ausgang um.
In meinem Kopf höre ich Schritte auf dem glatten harten Boden wiederhallen, ich drehe meinen Kopf, Mist, zu schnell, Schwindelgefühl macht sich breit, alles schwimmt vor meinen Augen. Schwach glaube ich die Umrisse Ebony’s zu erkennen, ja sie ist es, ein Glück, diesmal freue ich mich sie zu sehen, aber nur dieses eine Mal.
Sie kommt näher, fast mich am Arm und hilft mir auf, sie ist ungewöhnlich sanft. So kenne ich sie nicht, wir sind ja auch nicht gerade die besten Freundinnen.
Irgendetwas sagt sie zu mir, aber was? Ich bin zu schwach, um sie zu verstehen. Mühsam schleppe ich mich mit Ebony’s Hilfe weiterhin den Ausgang entgegen. Dort hinten, ein schwaches Licht, es wird stärker, noch ein paar Meter, dann bin ich raus aus der Hölle. Das grelle Licht der Sonne blendet mich, ich zwinkere mit den Augen, aber es hilft nicht, Ebony stört dies nicht.
Es geht bergauf. Sie scheint mich auf einen Hügel zu bringen. In der Ferne höre ich die aufgebrachten Stimmen der anderen Mallrats. Etwas kaltes berührt meine Hand. Ich schaue darauf, Ebony reicht mir einen Becher mit Wasser. Hastig trinke ich ihn aus. Es tut gut das kalte Wasser die Kehle herunterlaufen zu spüren. Noch nie hat mich ein Becher Wasser so erfrischt.
Ebony redet irgendetwas, ich schnappe einen Fetzen auf, was??? Sie und Bray haben ein Kind??? Das kann nicht sein, ich bin geschockt und fahre sie an :“ NEIN!!!! DAS IST NICHT WAHR!!!“ Sie kramt in ihrer Tasche, Gespannt und müde sehe ich ihr zu, nach kurzer Zeit hat sie es gefunden was sie wohl sucht. Da jetzt zeigt sie es mir. Es ist ein Photo, darauf ist Ebony mit Bray und einem Baby abgebildet. Nein, ich glaube das nicht, das sind sie tatsächlich, warum hat es Bray mir verschwiegen??? Traut er mir nicht???
„Es wäre besser für dich wenn du die Mallrats verlässt“ höre ich Ebony. „Ich werde dich für tot erklären und Bray kann sich dann wieder mir widmen, mir, denn mich liebt er wirklich wie du siehst.“ Ich nicke schwach. Ich kann es noch immer nicht fassen. Warum nur? Erschöpft sinke ich in das weiche Gras zurück und falle in einen unruhigen Schlaf.

Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen habe, einen halben Tag, einen ganzen, zwei drei??? Alles ist möglich.
Ich sehe mich in der Gegend um. Neben mir kniet ein Mann. Als er sieht das ich erwacht bin gleitet ein leises Lächeln über sein Gesicht. „Wie geht es dir?“ fragt er mich, seine Stimme ist unglaublich sanft zu mir, fast so wie Brays.
Bray, ach der soll doch bleiben wo der Pfeffer wächst, er hat mir einfach verschwiegen das er bereits ein Kind hat! Wieder taucht das Bild vor meinen Augen auf.
Oh ich sollte mal antworten. Ich versuche einen Ton heraus zu bekommen, aber es geht nicht, meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich hebe langsam meine Hand und deute auf seine Feldflasche, die neben ihm im Gras des Hügels liegt. Er versteht meinen Wink. Er stützt mich und flößt mir langsam kaltes erfrischendes Wasser ein. Es tut gut, es erfrischt wieder einmal. Er setzt die Flasche ab und ich versuche nun zu sprechen. „Jetzt besser danke.“
Ich erschrecke über meine Stimme, sie ist so ungewohnt leise und unglaublich krächzend. Meine Kräfte verlassen mich wieder. In meinem Schlaf sehe ich immer wieder das Photo vor mir, immer und immer wieder, ich will es nicht mehr sehen, jedes Mal ist es als stoße mir jemand einen großen Dolch mitten in mein Herz. Es tut so weh, immer wieder denke ich an dieses verfluchte Bild. Ich will nicht daran denken, es nicht mehr vor meinen Augen sehen, aber es kehrt einfach immer und immer wieder zurück. Ich kann nichts dagegen tun, muss es mir ansehen, ob ich will oder nicht.
Ich kann ja nicht meine Augen schließen, denn sie sind schon geschlossen. Verdammt, wie werde ich bloß dieses Bild los? Ich will es einfach nicht mehr sehen, möchte nicht immer wieder den Schmerz von neuem spüren. Was kann ich bloß tun? Ich denke immer so weiter, bis ich nicht mehr denken kann und falle in einen ruhigeren Schlaf.

Ich weiß nicht wie lange ich geschlafen habe, ich weiß nur dass es hell draußen ist und sich lauter Bäume über meinen Kopf befinden. Durch das Blätterdach dringt spärlich das Licht der Sonne.
Langsam versuche ich meinen Kopf zu heben, es ist schwer. Mein Kopf scheint von mehreren Tonnen festgehalten zu werden. Ich versuche es weiter.
Plötzlich höre ich ein paar Schritte die näher kommen. Nun sehe ich einen Kopf, den Kopf habe ich schon einmal gesehen. Langsam erinnere ich mich wieder. Es ist der Kopf von dem, der mich am Eagle-Mountain gerettet hat. Er kniet sich neben mich.
Ich versuche meine Augen auf ihn zu lenken, doch es fällt mir schwer. Es ist so als ob nicht nur mein Kopf von einigen Zentnern nieder gehalten wird, sondern auch meine Augenlider.
Ich will nicht noch mal einschlafen. Mit Schrecken denke ich an die vergangene Nacht, als ich immer wieder dieses Bild vor mir sah. Ich will es nicht mehr sehen und so lange ich wach bin kann ich es auch nicht sehen. Also zwinge ich mich dazu, meine Augen weiterhin offen zu halten. Es gelingt mir auch den jungen Mann anzusehen, der nun neben mir kniet. Ohne ein Wort zu sagen hebt er meinen Kopf an. In seiner Hand hält er die selbe Feldflasche wie am Eagle-Mountain. Er setzt sie an meinen Mund. Ich öffne ihn und versuche zu trinken. Es fällt mir unglaublich schwer, schwerer als beim letzten mal. Jeder einzelne Schluck tut verdammt weh. Ich versuche den Schmerz so gut wie es geht zu unterdrücken. Langsam, Schluck für Schluck trinke ich. Nach einer schier endlosen Zeit setzt er die Flasche wieder ab und legt mich behutsam in mein Lager zurück.

Ich bin total erschöpft und spüre einen unglaublichen Schmerz in meiner Kehle. Sie muss wohl völlig ausgetrocknet gewesen sein. Ich will jetzt nicht daran denken, sondern richte meine Blicke wieder auf meinen Retter. Er sieht mich ebenfalls an und scheint sich darüber zu freuen, das ich noch immer wach bin. „Schön das du wach bist. Ich bin Pride. Wie geht es dir?“ fragt er mich. Ich versuche meine Lippen zu bewegen und zu sprechen, es gelingt mir, zwar unglaublich langsam, aber schließlich bekomme ich wieder leise und krächzend ein paar Worte heraus. „Etwas besser...Hunger.“ verdammt, warum verließen nicht alle Worte meinen Mund? Aber Pride scheint mich verstanden zu haben. Er greift neben sich und holt eine kleine runde und tiefe Schüssel hervor.
Ich versuche einen Blick in das Gefäß zu werfen. Es scheint etwas ziemlich weiches zu sein. Auf jeden Fall sieht es so aus. Oh nein! Hoffentlich kein Haferbrei, den habe ich noch nie gemocht. Meine Gedanken schweifen ab, in die Zeit vor dem Virus, als ich noch ganz klein war und meine Mum mir Haferbrei vorsetzte, schon als ich ihn damals sah wusste ich, dass er mir nicht schmeckt. Verdammt Amber! Du wolltest doch nicht mehr an die Vergangenheit denken.
„Hier, iss das, dass ist Quark mit kleingedrückten Äpfeln. Ich hoffe, du magst es.“ Etwas geistesabwesend schaue ich ihn wieder an. Er hat wieder meinen Kopf angehoben, ich hatte gar nicht bemerkt, dass er meinen Kopf wieder angehoben hatte. Langsam öffne ich wieder meinen Mund. Löffelweise gibt er mir zu essen. Es tut etwas mehr weh als das Trinken zuvor. Wieder unterdrücke ich den Schmerz. Dieses mal fällt es mir schwerer. Ich spüre wie mir eine Träne über die Wange läuft. Pride sieht sie und legt den Löffel und die Schüssel mit seiner linken Hand neben sich und wischt mir mit seiner Hand die Träne ab.
Wie warm und weich die Hand doch ist. Wie Bray’s. Wie gerne würde ich jetzt bei ihm sein, mich von ihm pflegen lassen. „Amber was denkst du da bloß, hattest du mit Bray nicht schon abgeschlossen gehabt?“ ermahne ich mich selber. Ich kann nichts dafür, jede Kleinigkeit erinnert mich an die Vergangenheit, was ist eigentlich Vergangenheit??? Vergangenheit ist ab heute für mich alles dass was vor dem heutigen Tag passiert ist, Bray, die Mallrats, all das ist Vergangenheit, Vergangenheit, an die ich nicht mehr denken will, ein anderes Leben, lasse ich hinter mir, für immer. Nie wieder will ich daran einen Gedanken verlieren, nie wieder!
Pride hat mich schon längst wieder nieder gelegt. Meine Augen werden wieder schwerer und fallen mir schließlich zu. Wieder einmal schlafe ich ein, träume wirres Zeug, irgendetwas von einem Adler. Jetzt fange ich schon an wie Tai-San, sie hatte auch immer komische Träume. Verdammt, schon wieder ein Name aus meiner Vergangenheit. Wollte ich mit ihr nicht abgeschlossen haben? Endgültig? Warum muss ich immer wieder an sie denken? Warum nur? So denke ich immer weiter, irgendwann verliere ich mich in ihnen und falle in einen traumlosen Schlaf.

Als ich erwache spüre ich die warmen Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht. Langsam öffne ich meine Augen und blinzle in die Sonne. Ich fühle mich viel besser als vorher, irgendwie erfrischt. Vorsichtig versuche ich mich aufzurichten, es ist schwer und strengt mich sehr an. Aber ich will mich aufrichten, will mich bewegen, ein paar Schritte durch den Wald gehen. Ich kann nicht mehr liegen, mein Rücken tut weh.
Langsam sehe ich mich um. Ich bin im Wald. Über mir eine kleine Lücke im dichten Blätterdach der Bäume. Die Sonne scheint freundlich und warm auf mich herunter. Durch die Morgenstille dringt der Schrei eines Adlers.
Ein Adler, wie gerne würde ich jetzt auch durch die Luft davon fliegen, mir die Welt von oben ansehen. Frei sein, wie ein Adler, mich in eine andere Welt flüchten, nicht mehr Amber sein, die ich einst war, eine der Mallrats, Anführerin noch dazu, das ist vorbei, endgültig Vergangenheit. Ich habe nicht mehr die Kraft gegen Ebony anzukämpfen. Dieses Mal hat sie es geschafft, sie ist stärker als ich, aber was soll es, ich will mit den Mallrats nichts mehr zu tun haben, auch wenn es mir schwer fällt. Die Mall war mein neues zu Hause in einer total kaputten Welt, in der nichts mehr sein wird wie früher, früher.
Ich habe Dal zurückgelassen, Dal den ich schon seid einer Ewigkeit kenne, der für mich wie ein jüngerer Bruder ist und ich war für ihn wie eine ältere Schwester, aber er denkt nun ich sei tot. Wieder einmal kehren die Bilder und Szenen zurück, in denen ich mich bevor das Observatorium in die Luft flog mit Bray küsste. In diesem Moment stellte Bray alles das da, was ich mir von einem Mann wünsche. Aber dann, wenig später das Bild von ihm, Ebony und dem Baby. Soll er doch mit seiner Ebony glücklich werden!

Was ist das? Eine Träne läuft über meine Wange, hastig wische ich sie weg und trockne meine Augen. Ich will keine Schwäche zeigen, nicht vor diesem Stamm. Niemand soll mich auf meine Vergangenheit ansprechen, geschweige denn die ganze Geschichte erfahren.
Jemand kommt aus der Hütte, vor der ich mit wackeligen Beinen stehe. Meine Beine werden immer weicher und ich setze mich vorsichtshaltbar wieder hin. Ich schaue zu dem Mann herüber, ich erkenne ihn wieder, es ist der selbe Mann, der mir gestern zu essen und trinken gab. Er kommt auf mich zu, auf seinem Gesicht macht sich Freude breit, als er sieht, dass ich sitze und relativ munter bin. Langsam kommt er immer näher. Er scheint zu mir zu wollen. Er hält etwas in seiner Hand, es scheint mein Frühstück zu sein.
„Guten Morgen.“ Begrüßt er mich mit seiner sanften Stimme. „Morgen.“ Entgegne ich ihm schlicht. „Ich heiße Pride und du?“ ich überlege kurz, was ich ihm antworten soll. Meinen alten Namen möchte ich nicht mehr verwenden. Meine Gedanken schweifen ein paar Minuten zurück. Ich hörte einen Adler schreien und jetzt gerade hallt wieder der Schrei eines Adlers durch die morgendliche Luft. „Eagle.“ „Gut, möchtest du frühstücken?“ ich nicke etwas schwach, aber bestimmt. Langsam und vorsichtig setzt sich Pride neben mich und reicht mir eine Schüssel. Verwundert schaue ich in die Schüssel mit meinem Frühstück drin. Es sind wieder Äpfel mit Quark, woher haben die, die vielen Äpfel und den Quark? Frage ich mich selbst.
„Woher habt ihr die Äpfel?“ frage ich ihn ohne das ich es merke. „Außerhalb des Waldes befindet sich eine große Wiese mit verschiedenen Obstbäumen. Die Wiese dort scheint früher zu einem relativ großen Obstgarten gehört zu haben. Aber das ist unwichtig, iss lieber.“ Mit diesen Worten begann er mich zu füttern und schob mir vorsichtig einen Löffel nach dem anderen in den Mund. Mhhhhh das schmeckt gut, so herrlich frisch, endlich mal kein Dosenfutter. Kaum habe ich den einen Löffel voll herunter geschluckt schiebt er mir den nächsten in den Mund. Ich greife nach dem Löffel, ich möchte selber essen, schließlich bin ich ja kein kleines Kind mehr. Er sieht mich etwas perplex an , scheint aber zu verstehen, was ich ihm sagen möchte und reicht mir den Löffeln mit einem Zwinkern. Ich esse nun selber weiter. Erst jetzt bemerke ich das mir das Schlucken kaum noch Schmerzen bereitet. Löffel für Löffel genieße ich. Nach einer Weile bin ich fertig. „Danke Pride“ „Ruh dich erst einmal aus, wenn du etwas brauchst, dann rufe einfach nach mir.“ Sagt er mir mit seiner warmen und unglaublich freundlichen Stimme. Noch einmal zwinkert er mir aufmunternd zu, dreht sich dann um und verlässt mich dann.

Ich taumle zurück zu meinem Lager und lege mich wieder hin, beginne die Vögel die sich in den Bäumen tummeln, zu beobachten. Schon nach kurzer Zeit werden meine Augenlieder wieder einmal schwerer und ich schlafe ein.
Dieses Mal träume ich nicht, ich bin froh darüber. Keine zwanghaften Erinnerungen an die Vergangenheit, die eh nur Schmerz bringen. Langsam erwache ich wieder, die Sonne geht gerade unter und wirft ihre letzen warmen Strahlen durch das Blätterdach auf mich nieder. Ich genieße die den Sonnenuntergang. Ich schaue einfach nur zu, ohne an irgendetwas zu denken. Plötzlich fängt mein Magen an zu knurren. Langsam richte ich mich auf. Es geht viel besser als heute Morgen, viel besser als ich erwartet hatte. Vorsichtig wage ich den nächsten Schritt und stelle mich hin. Meine Beine fühlen sich noch etwas an wie Wackelpudding, aber nach all den Tagen die ich hier überwiegend liegend verbracht habe, tut es gut zu stehen. Langsam drehe ich mich im Kreis und suche mit meinen Augen die Gegend nach Pride ab.
Im hinteren Teil des Lagers sehe ich ein Feuer brennen. Es scheinen dort mehre Personen zu sitzen. In der Hoffnung das dort auch Pride sitzt, bewege ich mich auf die kleine Gruppe zu. Je näher ich komme, desto besser erkenne ich die Umrisse von Pride, die anderen habe ich noch nie zuvor gesehen. Es scheinen alles männliche Personen zu sein. Aber ich kann mich in der Dunkelheit auch täuschen. Langsam und vorsichtig, immer darauf bedacht nicht hinzufallen bei meinen wackeligen Beinen, nähere ich mich immer weiter der Gruppe. Sie scheinen mich nicht zu bemerken, kein Wunder, ich bin ja auch dunkel gekleidet. Noch ein paar Schritte und ich habe mein Ziel erreicht. Unter meinem Fuß knackt ein kleiner Stock. Alle vier, die am Feuer sitzen wirbeln mit ihren Köpfen zu mir herum.
„Oh wir haben dich nicht kommen sehen und hören.“ Sagt Pride recht erstaunt und verwundert als er mich erkennt. Ich zucke nur mit den Schultern und frage schließlich, ob ich etwas zu essen bekommen könnte. „Ja klar, möchtest du etwas Fisch?“ kommt die spontane Antwort von Pride. „Ja gern,.“ antworte ich erleichtert, dass ich bald etwas in den Magen bekomme. Mein Magen knurrt noch immer. Pride schaut mich erwartungsvoll an und sagt schließlich: „Komm setz dich zu uns.“ Natürlich komme ich seiner Aufforderung nach und setze mich an das herrlich, prasselnde Feuer.

Wie lange ist es her, dass ich zum letzten Mal an einem Lagerfeuer saß? Verdammt lange her. Es war damals vor dem Virus, als ich noch klein war und keine Ahnung vom Leben hatte. Als ich noch sorglos in der Welt herum getollt bin. Jetzt weiß ich, was Leben bedeutet, vor allem Überleben. Überleben, wie oft musste ich nach dem Ausbruch des Virus vor dem Demon-Dogs , den Locos und wie sie alle heißen flüchten? Ständig musste ich auf der Hut sein, mit Dal. Dal, was macht er wohl gerade, wahrscheinlich hat er sich zurückgezogen und weint wegen mir. Ich bereite ihm Schmerz, am liebsten würde ich losziehen und ihn hier herholen, aber dann würde ich wieder den anderen Mallrats begegnen und vor allem Bray und Ebony die möchte ich nach Möglichkeit nie, nie wieder sehen!

Ich verdränge wieder all diese Gedanken. Der Duft der über den Feuer brutzelnden Fische steigt mir in die Nase und mein Magen fängt wieder an heftig zu knurren. Ich hoffe das die Fische bald fertig sind, um sie mir nicht die ganze zeit ansehen zu müssen und ans Essen denken zu müssen fange ich an den Männer beim werkeln an den Werkzeugen zuzusehen. Pride bemerkt als erster das ich ihn und die anderen beobachte und setzt sich schließlich zu mir herüber. „Hier nimm mal, du musst nur den Stock schälen, ich mache solange den Fisch fertig.“ Mit diesen Worten drückt er mir seinen Stock an denn er gerade noch gearbeitet hatte und sein Messer in die Hand. Verdutz schaue ich zuerst zu ihm und dann zu dem Stock in meiner Hand. Ich nehme das Messer und fange , wie er es mir gesagt hat, den Stock an zu schälen. Es geht erstaunlich leicht, leichter als ich es mir vorgestellt hatte. Eine ganze Weile sitze ich so dort und schäle immer weiter den Stock. Ich merke gar nicht wie die Zeit vergeht, ich schäle einfach immer, immer weiter. Nach einiger zeit wedelt eine hand vor meinen Augen hin und her, verwundert löse ich meinen Blick von meiner Arbeit und schaue in Prides Gesicht.
„Du warst mit deinen Gedanken ganz schön weit fort.“ Spricht er mich an, ich entgegne ihm nur mit einem schlichten „Mhhh.“ „Komm iss etwas, der Fisch ist fertig.“ Er reicht mir einen Fisch, dankend nehme ich an. Wieder schweifen meine Gedanken ab und gedankenverloren esse ich meinen Fisch. Langsam esse ich ihn auf und genieße jeden einzelnen Bissen. Ich nehme meine Umgebung gar nicht mehr wahr. „Eagle? Eagle? Huhu Eagle?” hallt es in meinem Kopf.
Wer war noch mal Eagle? Ach ja, ich war das ja, ich hatte ja meinen alten Namen abgelegt, wollte durch meinen alten Namen nicht ständig an die Vergangenheit erinnert werden. Amber, so hieß ich , so wird mich niemand mehr hier rufen. Bei den Gedanken an den Namen Amber kehren all die Erinnerungen wieder zurück. Die Erlebnisse vom Eagle-Mountain, das Bild von Ebony, Bray und dem Baby taucht wieder vor meinen Augen auf, Tränen sammeln sich in meinen Augen, ich will nicht weinen, mich nicht an all die schrecklichen Stunden erinnern. Vor meinen Augen taucht wieder die Szene auf, in der ich Bray verziehen habe, ausgerechnet Lex hat mich dazu gebracht ihm zu verzeihen, mich ihm wieder anzuvertrauen und wieder mit ihm zusammen zu sein. Ich küsste ihn, in diesem Moment erfüllte Bray all das was ein Mann haben sollte, ich war in dem Moment so glücklich. Bray, Bray dieser verdammte Lügner, soll er doch mit seiner Ebony glücklich werden! Ich schluchze, verflucht, ich wollte doch gar nicht schluchzen, schon gar nicht weinen, nicht hier, nicht jetzt!
Ich spüre plötzlich eine warme starke Hand auf meinem Rücken. Ich drehe meinen Kopf und schaue Pride durch einen Schleier aus Tränen an. Vorsichtig beugt er sich zu mir und nimmt mich in seinen Arm, ich erwidere die Geste und verberge mein Gesicht in seinen Schulter. Eine Träne nach der anderen läuft unendlich langsam meine Wange herunter, läuft bis zu meinem Kinn herunter, verlässt schließlich mein Gesicht um auf Prides Schulter in tausend Einzelheiten zu zerspringen. Ich fange hemmungslos an zu weinen, es tut gut alles raus zu lassen, auch wenn ich es nicht wollte, zumindestens nicht hier, wenn alleine für mich, aber es kommt einfach über mich alles raus zu lassen. Während ich mich an Prides Schulter ausweine streichelt er sanft meinen Rücken. Jetzt in diesem Moment erinnert er mich stark an Bray, er hätte mich genauso in den Arm genommen um mich zu trösten.
Bray, verdammt Bray! Wieder tauchen einzelne Szenen von mir und ihm auf, in denen wir glücklich waren, ich klammere mich noch mehr an Pride, in der Hoffnung all diese Gedanken verdrängen zu können. Er spürt das ich jemanden zum festhalten brauche und drückt mich enger an sich. Ich habe das Gefühl das er mich versteht, auch wenn er eigentlich gar nicht verstehen kann warum ich weine, warum ich so schwach bin, so zerbrechlich wie eine Porzellanpuppe, Amber ,die sonst immer so stark ist, ist auf einmal klein, schwach und hilflos. Ich weiß nicht wie lange ich mein Gesicht in Prides Schulter verborgen habe, wie lange ich mir diesen schier unendlosen Schmerz von der Seele geweint habe. Langsam löse ich mich wieder von ihm und schaue ihn mit meinen wohl sehr roten und vereinten Augen in sein Gesicht. „Danke“ sage ich noch leicht schluchzend. „Garngeschehen, willst du reden?“ „Nein, aber ich würde gerne spazieren gehen.“ „Soll ich mitkommen und dir die Gegend zeigen, auch wenn man jetzt in der Dunkelheit nicht so viel sehen kann?“ „Ok.“ Antworte ich ihm und erhebe mich.

Schweigend gehen wir nebeneinander her. Er führt mich zu dem Gebäude das ich bereits von meinem Schlafplatz aus gesehen habe. Noch immer schweigend folge ich ihm die Treppe, die in das Gebäude führt hinauf. Es ist erstaunlich geräumig darin und alles aus Holz.
„Habt ihr das alles selber gemacht?“ frage ich ihn reichlich verdutzt.
„Ja, wir machen alles selber.“ Ich nicke nur stumm, ich bin heute nicht gerade sehr gesprächig, also schaue ich mich noch weiter um. Pride führt mich in ein kleines Zimmer, dort steht ein kleines Schränkchen mit einer großen dicken Kerze darauf. Das Zimmer wird von einem kleinem zierlichem Fenster spärlich beleuchtet.
„Hier ist dein Zimmer Eagle.“
„Für mich??? Ich bin doch kein Stammesmitglied, ihr könnt mir doch nicht so einfach ein Zimmer geben.“
„Möchtest du lieber weiterhin draußen schlafen?“ „Nein das nicht, aber ich möchte niemanden den Schlafplatz wegnehmen, geschweige denn euch zur Last fallen.“
„Du nimmst niemanden den Schlafplatz weg, ein Mitglied der Gians hat uns heute früh verlassen, sie fühlte sich unwohl hier in der Natur und ist zurück in die Stadt gegangen und somit haben wir Gians noch ein Zimmer für dich frei.“
„Danke! Hast du auch ein Zimmer hier?“
„Ja, ich habe mein Zimmer gleich neben an.“ „Du, Pride, sei mir bitte nicht böse, aber ich bin müde.“
„Ist schon o.k. Gute Nacht Eagle.“
„Gute Nacht.“ Er schaut mir noch einmal mit einem tiefen, mitleideigen Gesichtsausdruck in die Augen und dreht sich dann um. Leise und geschmeidig verlässt er mein Zimmer.

Ich bin allein, alleine mit meinen Gedanken. Einsam, alleine, für mich alleine in diesem Zimmer, niemand ist da an den ich mich lehnen kann. Ich fange an zu frösteln, Kälte der Leere und Einsamkeit macht sich in mir breit. Ich lege mich in das Bett, kuschele mich in die weiche Decke ein, versuche so das Gefühl der Einsamkeit zu verjagen. Lange, lange walze ich mich hin und her, versuche immer wieder dieses beklemmende Gefühl loszuwerden.
Nach langer vergebenden Mühe stehe ich schließlich wieder auf, lege mir die weiche Wolldecke über meine Schulter und gehe langsam, als würde ich von hinten festegehalten und hätte mühe vorwärts zukommen, zum Fenster. Ich schaue durch das kleine Fenster nach draußen. Nach einiger Zeit öffne ich das Fenster, es kommt nur wenig frische Luft herein und somit begebe ich mich nach draußen. Lange wandere ich im Lager der Gians hin und her. Nach einiger Zeit begebe ich mich aus dem Lager, links von mir höre ich einen Bach vor sich hin plätschern, ich gehe dem leisen gleichmäßigen plätschern nach. Schließlich treffe ich auf den Bach. Rechts, am Ufer des Baches entdecke ich ein paar größere Steine, fast kleine Felsen. Ich klettere auf einen hinauf, obenangekommen wickele ich mich in die warme Decke.
Lange starre ich auf das wasser des Baches hinunter, All die Sterne spiegeln sich darin, es ist ein schöner Anblick. Während ich so auf das Wasser schaue ist mein Kopf wie leer gefegt, ich denke an gar nichts mehr, beobachte einfach nur das plätschern des Baches. Hinter mir vernehme ich ein leises Rascheln., ich störe mich nicht daran, warum auch? Wenig später höre ich schon bereits leise Schritte, die sich mir immer mehr nähern. Ich bewege mich noch immer nicht, ich starre einfach weiter vor mich hin. Die Person klettert nun auf den Stein zu mir herauf. Ich rege mich noch immer nicht, ich brauche mich nicht umdrehen um zu wissen, das es Pride ist.
„Warum bist du hier draußen und nicht in deinem Zimmer um zu schlafen?“ Er setzt sich neben mich, noch immer sitze ich dort ohne mich zu bewegen, ich frage ihn ganz einfach zurück:
"Und was machst du hier?“
„Ich denke das ich aus dem selben Grund wie du hier bin.“
„Und was wäre mein Grund?“ in meiner Frage schwingt Traurigkeit mit, kein Wunder, so fühle ich mich, traurig, leer und einsam.
„Ich bin hier her gekommen um nachzudenken und wie ich dich bis jetzt kenne gelernt habe, brauchst du viel Zeit zum nachdenken, du musst viel durchgemacht haben.“
„Mag sein, im Grunde hast du auch recht. – Und worüber denkst du so nach?“ Lenke ich vom Thema ab, ich bin noch nicht so weit darüber zureden, will meinen Schmerz noch nicht teilen, es ist noch alles zu frisch, vielleicht später einmal, aber nicht hier, nicht jetzt.
„Mhhh ich frage mich die ganze Zeit, was dir geschehen ist, das du nur deprimiert bist.“
„Gute Frage, ich kann sie selbst kaum beantworten.“
„Oder willst.“ Damit hat er voll ins schwarze getroffen, er ist zwar wie ein guter alter Freund zu mir, aber ich kann und will mich ihm noch nicht anvertrauen.
„Kann sein. Sei mir nicht böse, aber ich wäre gerne alleine.“
„Allein hier draußen? Komm lieber wieder mit zurück zum Lager, dort bist du sicher.“
„Ok“ Wir gehen in Richtung Lager. Pride geht voran, er kennt sich anscheinend gut in diesem Gelände aus. Sicher führt er mich hier durch den Wald, es ist leicht hügelig und ein recht gerader Weg, über diesen bin ich nicht gekommen, ich bin viel geschlängelter gegangen.
„Wie hast du mich eigentlich gefunden?“ breche ich das Schweigen.
„Eigentlich gar nicht, ich wollte nachdenken und bin zu meinem Lieblingsplatz gegangen, du saßt auf ihm.“

Das letzte Stück bis zum Lager schweigen wir uns an, wir beide hängen unseren Gedanken nach, ich schweife immer wieder in die Vergangenheit ab und Pride? Er wird wohl über mich grübeln. Er hat so viel Ähnlichkeit mit Bray, so viel, das ich meinem könnte er sei Bray, aber er ist anders, geheimnisvoller, ruhiger und irgendwie sensibler, aber dennoch so ähnlich zu Bray.
Warum kümmert er sich um mich? Er kennt mich nicht und hilft mir trotzdem wo er nur kann, warum? Er weiß nichts, rein gar nichts über mich, ich könnte ein Wolf im Schafspelz sein und er? Er kümmert sich um mich, fast so wie Bray, schon wieder sein Name.
Bray, den ich eigentlich nicht mehr in meinem Gedanken erwähnen wollte, warum passiert es mir immer wieder? Er verfolgt mich, verdammt, ich liebe ihn viel zu sehr, um ihn zu verbannen, aber Amber, Amber kann ich verbannen, meinen alten Namen ablegen, mit meinem neuen ein neues Leben anfangen. Hoffentlich schaffe ich es hier, hier bei Pride und den Gians, hier ist der Platz von dem ich immer geträumt habe, nachdem der Virus ausgebrochen war. Ein friedlicher abgelegener Platz, der für sich alleine ist, nichts kann ihn beeinflussen. Nichts, die Mallrats konnte alles beeinflussen, wir waren ein zusammen gewürfelter Haufen, alle so unterschiedlich und doch wollten wir alle das selbe, überleben. Mallrats, immer wieder Mallrats, Bray, warum? Ich hänge zu sehr an ihnen, ich war für Patsy, Paul und Cloe wie eine Mutter, sie müssen mich schrecklich vermissen; ich will nicht mehr an die Mallrats denken, ich will und werde ein neues Leben anfangen, hier, an dem Ort, wo ich mir immer gewünscht habe zu leben. Nie wieder will ich Amber genannt werden, nur noch Eagle, ich bin Eagle!

Die letzten Worte muss ich wohl laut ausgesprochen haben, denn Pride bleibt stehen und schaut mich verdutzt an.
„Du heißt eigentlich Amber?“
„Ja, aber ich will so nicht mehr genannt werden, der Name gehört meiner Vergangenheit an, er hat mir zuviel Leid zugefügt.“
„Was ist denn geschehen?“
„Ich, ich...“ stottere ich, eigentlich möchte ich ihm nicht antworten, aber ich habe das Gefühl das ich ihn alles anvertrauen kann, ihn schon seid Ewigkeiten kenne. „Ich war einst eine Anführein.“
„Welchen Stammes?“
„Den Mallrats, ein kleiner unbedeutender Stamm.“
„Ich habe von ihm gehört, jemand aus deinem alten Stamm hat doch Zoot getötet oder?“
„Ja, Lex war es damals, er hat ihn aus versehen getötet; ist das bis hierher gedrungen?“
„Nein, das nicht, aber ich sah damals wie ihr Zoot beerdigt habt.“
„Du warst da?“ Ich bin total überrascht, er war da und wir haben ihn nicht bemerkt, ich dachte damals, das wir dort die einzigen waren, aber ich habe mich wohl geirrt.
„Ja, aber ich hatte mich vor euch verborgen, ich wollte euch nicht stören. Ihr wart alle ziemlich betroffen. Warum? Zoot war schlecht, er hat so vielen Menschen Leid zugefügt, er war der Anführer der Locos."
„Ja, aber niemand hat es verdient frühzeitig zu sterben und er war vor allem Brays Bruder, Bray.“ Wiederhole ich; bei diesem Namen kehrt mal wieder alles zurück. Ich schlucke hart, es tut weh immer wieder an ihn denken zumüssen.
„Du magst Bray sehr, oder?“
„Ja, ich war mit ihm zusammen, aber er hat ein Kind mit Ebony, soll er doch mit ihr glücklich werden!“
Wieder muss ich hart schlucken, ich kann es nicht verhindern, eine Träne kullert meine Wange herunter, mal wieder, ich will nicht weinen, will keine Schwäche zeigen!
Was ist nur mit mir los? Ich habe doch früher nicht soviel wegen so etwas geweint, ich war doch früher nicht so schwach, ich war immer stark und selbstbewusst und jetzt? Eine einzige Person hat es geschafft, mich so am Boden zu zerstören.
„Du weinst ja.“ Vorsichtig wischt mir Pride mit seinem Finger die Träne weg, ich sehe auf und schaue ihm ins Gesicht. Warum, warum macht er das? Warum ist er so lieb zu mir?
„Es geht schon wieder.“
„Es ist spät geh schlafen und denke daran, ich bin direkt neben an.“ Er sieht mich sorgenvoll an, als ob er nicht wisse, ob er mich alleine lassen kann, aber ich nicke einfach nur stumm zur Bestätigung.
Lange liege ich wach im Bett und starre einfach nur die Decke des Raumes an. Dabei kreisen meine Gedanken um das gerade geschehende. Ich verstehe Pride nicht, warum kümmert er sich um mich? Ich fühle mich wohl, er ist mir so vertraut, aber ich kenne ihn doch erst seid geraumer Zeit. Er hat so eine Anziehungskraft wie Bray. Bray verdammt noch mal, immer, immer wieder muss ich an ihn denken. Ich will nicht mehr an ihn denken, ihn einfach hinter mir lassen, als sie er nie in meinem Leben gewesen, hätte dort nie eine Rolle gespielt, als würde es ihn nicht geben, aber es ist do schwer, schwerer als ich es mir jäh vorgestellt hätte. Überall die Gedanken schlafe ich ein.

Als ich erwache, scheint schon die Sonne in mein Zimmer, die Vögel zwitschern schon vor meinem kleinem Fenster. Ich stehe auf und gehe langsam auf das Fenster zu, öffne es und atme die frische Morgenluft ganz tief ein. Wie gut das tut, ich hatte es schon fast vergessen. Ich schaue nach unten und entdecke Pride, er macht Tai-Shi Übungen. Irgendwie passt das zu ihm, es scheint so als befände er sich jetzt im Einklang mit der Natur und als könne ihn nichts stören. Ich beobachte ihn, je länger ich ihn beobachte, desto mehr stelle ich fest, das er hier her gehört, hier, hier in diesem Wald, bei den Gians und meiner?
Ist meiner hier? Ich gehöre in die Stadt, aber da sind die Mallrats, meine Vergangenheit. Im Grunde genommen habe ich jetzt das, was ich nach dem Ausbruch des Virus immer haben wollte. Ein zu Hause in der Natur, aber was heißt das schon in dieser Welt? Man kann sich verschanzen gegen die anderen Stämme, aber man ist nirgends wo mehr sicher, überall hat man Angst, vor den gewalttätigen Stämmen. Früher wollte ich mit Dal eine Farm suchen, wir dachten damals, das wir dort sicher und im Frieden ein neues Leben anfangen könnten, aber dann kam alles anders, wir retteten Cloe, flüchteten mit ihr und Patsy, Dal Bob und Sal vor den Locos und Demon-Dogs und vor Lex in die Mall.
Jack war damals schon in der Mall und hat uns geholfen, er hatte Lex, Zandra und Rayn eingesperrt. Schon ein paar Tage später lernt ich Bray kennen. Als ich ihn das erstemal sah, war es mir, als kenne ich ihn schon ewig, schon wenig später habe ich mich Hals über Kopf in ihn verliebt. Zu dem Zeitpunkt dachte ich noch, er wäre mit Trudy zusammen und hätte eine Affäre mit Sal. Er schien mir so unerreichbar, dabei wollte er mich von Anfang an, so dachte ich, aber was mache ich?
Ich kam mit Sascha zusammen, ich war so eine Idiotin, Sascha war so lieb und aufmerksam zu mir, er war die beste Lösung für mein Gefühlschaos. Und dann, als er weg war habe ich noch um ihn getrauert, ich habe ihn doch gar nicht wirklich geliebt, später, ja später hatte ich Bray, ich war so glücklich und dann?
Dann kam der Tribe-Circus, die Locos, die uns vor unserem sicheren Ende retteten und einfach Bray mitnahmen. Warum habe ich die Kamerabilder damals falsch verstanden, oder doch richtig? Ich war so sauer, so enttäuscht. Mein Bray, hatte etwas mit Ebony schon zu dem Zeitpunkt ahnte ich, das Bray schon immer etwas von Ebony wollte und vor ein paar Tagen hat sich mein verdacht bestätigt, wie konnte ich damals nur so gut gläubig sein?
Ich glaubte, vertraute ihm. Wie konnte ich nur? Früher hatte ich mich nie in einem Menschen getäuscht, aber bei Bray ganz gewaltig, ich war so vernarrt in ihn, wie in keinem anderen zuvor. Bray, Bray kreist es in meinem Kopf, alles dreht sich um ihn, Bray, Bray hallt es immer wieder in meinem Kopf nach, ich halte mir die Ohren zu, will seinem Namen nicht mehr hören. Ich fange an zu schreien, will den Namen los werden, doch es hilft nichts, er ist immer noch da, ich kann nicht mehr, es tut so weh immer wieder seinen Namen in meinem Kopf zu hören, seine Stimme, Szenen von ihm und mir vor meinem innerem Auge zu sehen, ich kann nicht mehr.

Plötzlich drehen mich zwei starke Hände um, es ist Pride, wer auch sonst? Vorsichtig und unglaublich sanft nimmt er meine Hände, die ich noch immer an meinem Ohren habe in seine Hände
„Eagle was ist?“
„Bray,...sein Name...er hallt durch meinem Kopf! – Ich will nicht mehr an ihn denken! Er ist Vergangenheit! Vergangenheit! Geschichte! Raus aus meinem Leben!“
„Ruhig Eagle. Es ist alles in Ordnung.“ Er hält noch immer meine Hände in den seinen. Er steht mir direkt gegenüber, ich schließe meine Augen, lasse mich einfach nach vorne in seine Arme fallen. Er fängt mich auf, hält mich fest. Leere breitet sich in mir aus, eiskalte Leere. Es tut gut mal an nichts zu denken, kein Bray der in meinen Gedanken kreist. Langsam löse ich mich von ihm, schlicht und einfach sage ich zu ihm
„Danke.“
„Gerngeschen, komm, wir gehen frühstücken.“
„Ja gerne, ich habe Hunger.“ Langsam folge ich ihm hinaus. Draußen steht ein Tisch. Pride legt seine Hände an den Mund und amt einen Eulenruf nach, wenig später kommen von allen Seiten Mitglieder der Gians, kaum jemand sagt etwas, sie sehen sich ins Gesicht und scheinen zu wissen, was der andere denkt. Schon nach kurzer Zeit sind nur noch zwei Plätze an dem großen Tisch frei.
„Komm setz dich.“ Ich folge seiner Aufforderung. Alle sehen zu mir und Pride herüber. Viele Augenpaare mustern mich. Manche scheinen mich durchleuchten zu wollen. Ich versuche den Blicken auszuweichen und schaue zu Pride herüber. Daraufhin erhebt er sich wieder.
„Nun, ihr fragt euch sicherlich, warum ich Eagle gerettet habe. Ich muss zugeben eine gute Frage. Sie lag auf einem Hügel des Observatoriums, so hilflos, alleine, ich wollte sie nicht einfach zurück lassen, ich hätte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können. Ich weiß, ich habe gegen unsere Regeln verstoßen, aber ihr an meiner Stelle hättet , so denke ich, genauso gehandelt.“ Nun verstehe ich warum die Gians mir gegenüber so skeptisch waren, ich kann nicht anders, ich stehe auf.
„Ich möchte niemanden hier zur Last fallen. Ich bin Pride zu großem Dank verpflichtet, ohne ihn wäre ich bestimmt nicht mehr unter den lebenden. Wenn ihr wollt, das ich gehe, so gehe ich, alleine, ich habe keine Freunde mehr, sie haben mich alle verlassen, im stich gelassen, einfach zurück gelassen. Ich wäre glücklich und dankbar, wenn ich hier bei euch den Gians ein neues Leben anfangen könnte. Entscheidet selbst, ich werde eure Entscheidung akzeptieren.“ Mit diesen Worten setzte ich mich wieder, schaue einfach auf den Tisch. Die Gians beginne zu murmeln.
„Wir sollten den Stammesrat einberufen und dann über Eagle entscheiden.“ Sagt ein junger breitschultriger Mann, den ich hier vorher noch nicht gesehen habe. Die anderen Gians nicken zustimmen. Stumm greift nun jeder nach Brot und Waldfrüchten, die hier auf dem Tisch in Körben stehen, es breitet sich eine beängstigende Stille aus. Niemand sagt etwas, immer wieder treffen mich neugierige, durchbohrende Blicke, es fällt mir wieder schwer ihren Blicken stand zu halten.

Langsam esse ich etwas von dem Brot. Es schmeckt wie damals, bei Mum zu Hause, ja wie bei Mum. Die Erinnerung ans sie schmerzt. Ich war dabei, ich sah wie sie unter dem Virus litt, ich sah sie sterben. Es sah so aus, als schliefe sie einfach nur ein, dabei schloss sie die Augen für immer. – es wird nie wieder so sein wie früher, als sie Erwachsenen noch lebten. Nie wieder kann ich einen Erwachsenen um Rat fragen.
Es tut so weh daran denken zu müssen. Nun sitze ich hier am Frühstückstisch der Gians, als eine Fremde und einer der ältesten, mitten unter den Gians, als sei ich eine von ihnen. Ich und Pride scheinen hier die ältesten zu sein.
Ich war für Cloe, Patsy und Paul wie eine Mutter, auch für Jack und Dal, jetzt ,müssen sie ohne mich klar kommen, ich kann nie wieder zurück, zuviel ist geschehen; sollen sich doch Bray und Ebony um die kleinen kümmern. Bray hat mich verraten, immer wieder verletzt.
Plötzlich fährt eine Hand durch mein Gesichtsfeld. Ich schrecke hoch. Es ist Pride, er hat mich aus meinen Gedanken gerissen.
„Alles in Ordnung Eagle?“
„Ja, ich habe nur nachgedacht.“
„Du hast ja kaum etwas gegessen.“
„Ich habe auch keinen richtigen Hunger.“
„Aber du hast in der letzten zeit ziemlich wenig gegessen, wenn du wieder richtig zu Kräften kommen willst musst du schon mehr essen.“
„Ja schon aber ich habe keinen richtigen Hunger.“
„Versprich mir aber, das du noch etwas zwischen durch isst, ja?“
„Ok, ich melde mich dann bei dir.“ Ein Teil der Gians ist schon bereits dabei den Tisch abzuräumen und ich kaue gerade an dem letzten Stück Brot das ich in meiner Hand halte. Ja Pride hat ja recht, ich sollte mehr essen, aber ich kann nicht, ich habe keinen richtigen Hunger. Ich brauche einfach Zeit, Zeit um wieder zu meiner alten Form zu gelangen, ich muss erst einmal die Geschehnisse verdauen, ich wünschte es würde schneller gehen als bis her. Ich wünschte ich könnte einfach alles hinter mir lassen, aber es fällt mir so unendlich schwer. Alles mögliche erinnert mich an sie, immer wieder schweife ich zu ihnen ab.
Jemand stupst mich an, es ist Pride, er sieht mich sorgenvoll an, mal wieder.
„Es ist alles in Ordnung.“ versichere ich ihm.
„Willst du nicht doch vielleicht reden?“
„Ich weiß nicht. Lass mich lieber erstein mal alleine.“
„Wie du meinst.“ Ich stehe auf und entferne mich langsam vom Lager, nach einer Weile drehe ich mich um und sehe, wie Pride mir hinterher schaut. Ich weiche seinem Blick aus und setze meinen Weg zum Fluss fort. Ich weiß nicht warum ich ausgerechnet zum Fluss gehe, irgendwie ist es der einzige schöne Platz hier, den ich bis jetzt kenne und an dem man sich zurückziehen kann. Wie gestern setze ich mich auf dem Felsen und starre wieder einmal ins Wasser. Ich will einfach nur alleine sein, aber irgendwie auch nicht, ich möchte so gerne jemanden mein Herz ausschütten. Ich weiß, ich kann Pride vertrauen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm vertrauen will. Er ist ein guter Freund für mich, obwohl wir uns erst so kurz kennen. Manchmal denke ich wir kennen uns schon ewig.

Ein kalter Windstoß fährt über mich hinweg, ich fange an zu frösteln. Die Sonne die vor wenigen Minuten noch so schön warm auf mich herunter schien ist nun über und über mit Wolken bedeckt. Der Wind nimmt immer mehr zu, es scheint ein Unwetter zu geben. Ich gehe lieber zurück ins Lager. Die ersten Tropfen fallen bereits auf mich herunter. Es sind ziemlich große schwere Tropfen. Vorsichtig klettere ich den Felsen hinunter, ich muss aufpassen, das ich nicht ausrutsche. Durch den Regen ist der kleine Felsen ziemlich glitschig geworden. Nur noch ein kleines Stückchen, dann habe ich wieder festen Boden unter meinen Füßen. Das letzte Stück springe ich hinunter. Mist ein Fehler, ich komme falsch auf, ich falle, schon erwarte ich den Aufprall, aber wo bleibt er? Ich öffne die Augen die ich vor Schreck geschlossen hatte und sehe Pride über mich gebeugt, er hält mich mit seinen starken Armen in den seinen.
Er muss gerade gekommen sein, als ich von dem Felsen kletterte. Er sagt kein Wort, sieht mich nur etwas strafend und besorgt an. Wir sehen uns einen kurzem Moment schweigend an, dann stellt er mich vorsichtig und sanft wieder hin. Noch immer sagt er kein einziges Wort. Ich sehe ihm in sein Gesicht, ich weiß nicht was hinter seiner Stirn vorgeht, aber es scheint ziemlich viel zu sein, das verraten die Zuckungen seiner Mundwinkel.
„Danke Pride.“ Bedanke mich sanft bei ihm und setze ein dankbares Lächeln auf. Auch über sein Gesicht gleitet ein leises Lächeln. Ich gehe die ersten Meter in Richtung Lager, doch Pride steht noch immer da.
„Was ist Pride? Lass und zurück zum Lager gehen, sonst sind wir gleich klatsch nass.“ Sage ich ruhig und etwas sorgenvoll zu Pride, so habe ich ihn noch nicht kennen gelernt. Er ist so abwesend. Unglaublich langsam schwenkt er seinen Kopf zu mir herüber, ein leichtes nicken folgt dieser Bewegung. Mit langen großen geschmeidigen Schritten kommt er auf mich zu. Als er fast bei mir angekommen ist, setze auch ich den Weg fort. Mittlerweile regnet es immer stärker. Tropfen für Tropfen prasselt auf mich nieder. Wir sind noch nicht am Lager angekommen, aber schon ganz durchnässt. Es sind noch ca. 100m. Der Waldboden unter uns wird immer weicher. Wir können nun nicht mehr rennen, wir müssen gehen um nicht hinzufallen. Die letzten Meter werden bei dem starken Regen immer schwerer.
Wie ein dichter Schleier prasselt nun der Regen auf die Erde hinab. Bei jedem Schritt versinken wir etwas mehr in dem aufgeweichten Waldboden. Die Erde sammelt sich an unseren Schuhen, jeder Schritt wird immer und immer schwerer. Mühsam schleppe ich mich immer weiter vorwärts. Ich kann bald nicht mehr, meine Kräfte verlassen mich, auch Pride der ein Stück vor mir geht wird immer langsamer. Ich bleibe stehen und versuche durch den Regen sehen zu können wie weit es noch ist. Ich strenge meine Augen stark an um etwas erkennen zu können, nach einer Weile erkenne ich ganz schwach die Umrisse des Hauses. Ich sammele alle Kräfte für die letzten Meter zusammen. Auch Pride atmet noch einmal tief durch und geht weiter. Schon nach der hälfte des letzten Stückes verlassen mich wieder meine Kräfte.
„Pride! Pride!“ rufe ich verzweifelt, ich kann nicht mehr weiter gehen. Er reagiert nicht auf meinen Ruf, er scheint mich nicht zu hören.
„Pride! Pride!“ versuche ich es noch einmal, noch immer hört er mich nicht. Angst steigt in mir auf. Ich will nicht hier alleine im dichten Regen zurück bleiben, nicht mitten im Wald. Verzweifelt rufe ich ihn wieder. Er hört mich noch immer nicht durch den dicken Regenschleier. Neben mir bekomme ich einen Stock zu fassen, meine letzte Chance ihn auf mich aufmerksam zu bekommen. Mit letzter Kraft werfe ich ihn und sinke dann in mich auf dem Boden nieder.
Zum Glück habe ich getroffen. Pride bleibt stehen und sieht zu mir herüber, als er sieht das ich auf dem Boden liege kommt er so schnell wie er kann und es die Umstände hergeben zu mir. Währenddessen versuche ich wieder aufzustehen, doch der glitschige Boden und die Erde die an mir haftet macht es mir schwer. Immer und immer wieder versuche ich es, doch es gelingt mir nicht. Endlich ist Pride da. Er reicht mir seine Hand, ich ergreife sie, verliere sie jedoch gleich wieder. Er hält sie mir noch immer hin, wieder versuche ich sie zu fassen, seine Hand ist jedoch Nass und meine auch, wieder flutscht meine Hand aus der seinigen.
Pride scheint nachzusinnen. Einen kurzen Moment später beugt er sich über und versucht mich unter den Schultern gefasst hochzuheben. Er fängt an zu schnaufen, ich bin zu schwer. Er hat mich schon ein kleines Stück hochgehoben. Verzweifelt versuche ich mit meinen Beinen nach zu helfen. Nach einer mir schier endlosen Zeit haben wir es endlich geschafft, ich stehe wieder auf meinen Füßen. Die Erde die noch gerade an mir klebte wird nun immer mehr vom Regen abgespült. Ich versuche wieder einen Schritt vorwärts zu gehen, aber ich bin zu schwach, taumle, Prides Arme fassen mich wieder einmal gerade noch rechtzeitig.
Er sieht mich fragend an. Ich versuche zu sprechen bin jedoch zu entkräftet, meine letzte Kraft benötige ich gerade um mich aufrecht zu halten. Pride bemerkt dies und scheint über eine Lösung des Problems nachzusinnen. Schließlich sieht er mir ins Gesicht, fasst mich an den Hüften und legt mich auf seine breiten Schultern. Keuchend geht er Schritt für Schritt weiter Richtung Lager. Die letzten Meter Stolpert er mit mir auf den Schultern vorwärts, fast fällt er hin, fängt sich jedoch wieder. Da, da ist das Haus, nicht mehr weit. Auch Pride schöpft Mut und stapft immer weiter durch den tiefen Schlamm. Noch ein paar Schritte, Pride stolpert und ich lande etwas unsanft auf den Stufen zum Haus. Ich habe mir zum Glück nicht sonderlich weh getan, nur mein Arm schmerzt etwas. Schnell drehe ich meinen Kopf zu Pride, er liegt der Länge nach im Schlamm, mit dem Gesicht nach unten. Mühsam ziehe ich mich durch den Schlamm zu Pride, gehen kann ich nicht mehr. Nur noch eine Handlänge und ich bin bei ihm. Ich sammle meine letzten Kräfte und hebe seinen Kopf vorsichtig an, er ist ohne Bewusstsein, verdammt, warum? Hätte er nicht noch bei Bewusstsein bleiben könne? Wie soll ich ihn und mich denn jetzt ins Haus bekommen?

Ich lege seinen Kopf auf die Seite, so das er noch Luft bekommen kann. Mühsächlich ziehe ich mich wieder durch den Schlamm, es geht so unendlich langsam, Panik steigt in mir auf, ich muss es schaffen, muss die Gians informieren. Da endlich die Rampe die zur Tür führt. Ich schleppe mich auf sie, jetzt geht es etwas besser. Noch ein bisschen anstrengen und ich erreiche die Tür. Noch etwas näher. Ich versuche mich etwas aufzubauen und schlage leicht gegen die Tür und lasse mich nach vorne fallen, ja es hat geklappt, die Tür ist offen, jetzt liege ich halb drinnen und halb draußen.
Die Tür schiebt sich unsanft gegen meinen Arm, ich störe mich jedoch nicht daran, sondern schleppe mich weiter ins Haus. Ein Gian scheint auf die lauten Geräusche die ich verursacht habe aufmerksam geworden zu sein und tritt in den Raum, erschrocken sieht er mich an.
„Heye kommt mal her, hier liegt Eagle, sie braucht Hilfe!“ schreit er laut und wenig später sind eine Handvoll Gians in dem Raum. Sie Packen mich unter die Arme und setzen mich vorsichtig auf einen Stuhl.
„Was ist passiert?“ Ich kann nicht antworten. Mühsam hebe ich den Arm und deute nach draußen. Sofort stürmen ein paar Gians nach draußen. Einige ausrufe des Schreckens dringen ins Haus. Während ein Gian Mädchen mich abtrocknet bringen die übrigen Jungen Pride herein. Er hängt wie ein Nasser Sack hinter ihnen. Mittlerweile sind auch noch einige mehr der Gians in den kleinen Raum getreten. Einige erschrecken bei den Anblick den Pride bietet, andere rennen aus dem Raum.
„Komm, ich gebe dir trockene Sachen.“ Sagt das Gian Mädchen zu mir, die mich versucht zu trocknen. Ich nicke nur schwach. Sie hilft mir auf und langsam mich auf sie stützend verlassen wir den Raum. Sie bringt mich in mein Zimmer.
„Warte hier einen Augenblick, ich will mal sehen, was ich habe und was dir passen könnte.“ Ich sitze auf meinem Bett und warte darauf, das sie zurück kommt. Es dauert eine ganze weile, aber dann kommt sie zurück.
„Hier das müsste dir passen, und es passt sogar etwas zu deinem Namen, Eagle. Komm probiere es an.“ Ich nehme die Sachen an. Langsam ziehe ich meine nassen Sachen aus, sie kleben richtig an mir.
„Kannst du mir helfen?“ Frage ich sie. Sie nickt und kommt auf mich zu und hilft mir. Nachdem ich mein Oberteil aus habe und den BH trocknet sie mich vorsichtig ab. Langsam wird mir wieder wärmer. Nachdem sie mit dem abtrocknen fertig ist reicht sie mir einen frischen BH, ich sehe ihn mir an und erkenne das er ungefair meine Größe hat. Ich ziehe ihn an und er passt erstaunlich gut. Nun reicht sie mir das Oberteil, es ist dunkel blau mit einem Türkisen Rand am Ausschnitt. Sie zieht es mir über, es ist recht eng, aber bequem. Nun hilft sie mir die durchnässte Hose auszuziehen. Nachdem auch das geschafft ist trocknet sie mich wieder gründlich ab. Anschließend reicht sie mir einen schönen dunkel blauen Slip. Ich ziehe ihn an und auch er passt mir wie angegossen. Nun reicht sie mir eine graue Schlangenmuster ähnliche Hose. Sie ist auch etwas eng aber wie das Oberteil bequem. Langsam wird es mir immer wieder und ich fühle mich recht wohl in den Sachen.
„So gleich bist du fertig, nur noch dieses hier, und die Stiefel.“ Sie legt mir das Teil an, es ist Fischschuppenartig gemustert. Ich halte es fest, damit sie es hinter zuschnüren kann. Vorsichtig schnürt sie es zu.
“Ist so in Ordnung, oder zu feste?“
„Du kannst es ruhig noch etwas strammer ziehen.“ Langsam und behutsam zieht sie die Bänder weiter an.
„So ist es ok.“
„So nur noch die Schleife, dann ist es fest.“ Langsam schaue ich an mir herunter. Main neues Outfit gefällt mir gut, es ist nicht so trist wie mein altes, farbenfroher. Meine Blicke wandern immer tiefer, bis sie an meinen Füßen haften bleiben, denn ich trage noch keine Schuhe. Mit meinen Augen suche ich den Raum nach den noch fehlenden Stiefeln ab. Rechts neben mir entdecke ich sie dann. Sie sind dunkelblau und leicht gemustert. Hoffentlich passen sie mir auch. Ich greife nach den ersten Stiefel, es ist der linke. Wie heißt eigentlich das Mädchen? Ich werde sie mal fragen:
“Wie heißt du eigentlich?“
„Fish Hawk, ich lerne von den Fischen und den Falken, jeder aus diesem Stamm ist nach einem Tier benannt und lernt von diesem. Wir fühlen uns auch alle mit unseren Tieren eng verbunden. Wenn du bei uns bleiben darfst, dann wirst du sicherlich von den Adlern lernen, falls du deinen Namen behältst.“
„Ich werde ihn behalten.“
„Dann kannst du auch die Sachen behalten, ich trage sie schon länger nicht mehr, sie sind mir zu klein geworden.“
„Ich kann das nicht annehmen.“
„Doch du kannst, ich schenke sie dir.“
„Aber ich bin doch kein Gian, du kennst mich gar nicht und schenkst mir solch schöne Anziehsachen?“
„Ja ich schenke sie dir, wenn du hier bleiben willst, kannst du ja schließlich nicht deine alten Sachen anziehen, denn wie du siehst kleiden wir uns auch nach unseren Namen.“
„Das stimmt. Was meinst du, werde ich hier bei den Gians aufgenommen?“ lenke ich vom Thema ab.
„Ich denke schon, deine Rede hat hier viele beeindruckt. Du musst dich einsam fühlen, wenn hier unter den Gians bist und niemanden kennst. Pride hat dich vom ersten Tag seid dem du bei uns bist in sein Herz geschlossen, auch wenn ich noch nicht so genau weiß warum, aber ich denke , dass ich es noch in den nächsten Tagen noch erfahren werde.“ Schweigen tritt ein.
“Seid wann bist du bei den Gians?“ breche ich die Stille.
„Ich bin seid einem halben Jahr hier, ich habe mich damals recht schnell hier eingelebt, damals waren alle super lieb zu mir und mittlerweile habe ich alle zum Freund gefunden. Wie lange warst du in deinem alten Stamm?“
„Ich war dort von Anfang an, ich hatte ihn mitgegründet.“
„Also warst du Anführerin?“
„Ja ich war es, obwohl ich das eigentlich nicht wollte, es ist einfach so gekommen.“
„Aber warum bist du dann nicht mehr dort?“
„Tja, das ist eine lange Geschichte.“
„Erzählst du sie mir?“
„Mh, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, da gibt es so vieles zu erzählen.“
„Erzähle einfach.“
„Du kennst doch bestimmt Ebony, oder?“
„Ja, sie war Zoots Frau und später, nachdem Zoot getötet worden war, war sie die Anführein der Locos.“
„Ja genau. Nun gut, ich war eine Mallrat, ich habe sie im Grunde genommen mitgegründet. Nach dem ersten oder zweiten Tag, stieß Bray auf die Mall, als ich ihn damals sah, da unten in der Kanalisation, wie er dort stand, bereit Trudy zu schützen, falls es nötig gewesen wäre und so unschuldig, war es um mich geschehen, ich ließ den Baseballschläger in meiner Hand sinken, den ich mitgenommen hatte, denn wir dachten, das dort unten ein Eindringling wäre. Ich ließ sie mit leichtem Zögern in die Mall. Eigentlich wollte ich die beiden nicht für länger als eine Nacht in der Mall behalten, denn Kinder bedeuten in dieser Welt eine große Verantwortung und Bewegungseinschränkung. Wenn wir hätten flüchten müssen, so hätten wir nicht so schnell flüchten können, denn Trudy hätte Brady mitschleppen müssen und sie hätte immer im unpassensten Augenblick schreien können.
Ja, so dachte ich damals, aber jetzt ist es anders. Ich habe mich seid dem verändert. Ich dachte Anfangs nur an mich, kaum an andere, fast gleichaltrige. Ich sorgte mich nur um die Kleinen, die alleine in dieser Welt nicht zurecht kommen können. Damals bei Bray und Trudy dachte ich mir auch einfach nur, das sie alt genug sind, um einen eigenen geeigneten Ort für die Niederkunft Trudys finden könnten. Ich wollte damals nicht für noch mehr Menschen mitverantwortlich sein, denn in einem Tribe ist jeder für jeden verantwortlich und nicht jeder für sich selbst, denn sonst könnte man auch genauso gut alleine durch die total kaputte Welt ziehen.
Jetzt ist es aber anders, ich helfe jeden, der mir vertrauenswürdig erscheint, ich weiß, man kann sich in Menschen täuschen, aber bis jetzt ist noch nichts passiert. Bei den Mallrats wurde immer über die weiteren Schritte bei fremden Personen abgestimmt. Wenn die Mehrheit gegen oder für etwas war, so wurde dies auch gemacht. Mag makaber klingen, aber so ist es halt.“
„Das ist aber eine gute Möglichkeit, wir haben hier einen Rat, bestehend aus 5 gewählten Personen, die über alles beraten und abstimmen. Wir haben kaum Einfluss auf den Rat. Wir können niemandem aus dem Rat stürzen, eigentlich könne wir gar nichts machen, wir können erst dann etwas ändern, wenn einer den Rat verlässt, oder von den anderen Ratsmitgliedern geschmissen wird. Das ist hart, aber wir haben uns daran gewöhnt so zu leben. Du wirst dich also an einiges hier gewöhnen müssen.“
„Ich weiß Fish-Hawk, ich weiß. Ich hoffe, das ich mich anpassen kann und werde. Na ja, aber nun zurück zu meiner Erzählung. Damals, als Bray und Trudy in der Mall Unterschlupf gesucht haben, haben wir auch über sie abgestimmt. Ich hatte gegen sie gestimmt, ich weiß nicht was mich geritten hatte, aber ich stimmte gegen sie. Es hatten so gut wie alle gegen Bray und Trudy gestimmt, gerade als die beiden die Mall verlassen wollten, bekam Trudy ihre wehen, somit gebar sie ihre Tochter in der Mall. Ich dachte damals, das Kind sei von Bray, aber dem war nicht so, es war von Zoot.
Trudy hatte die Umwandlung Zoots nicht verkraftet und verließ mit Bray zusammen die Locos. Schon zu der Zeit war Trudy schwanger. Ebony war nicht gerade begeistert davon, das Bray weggegangen war, sie liebte ihn und nicht Martin seinen Bruder.“ Fish-Hawk sah mich ungläubig an
„Bray und Zoot waren Brüder? Das glaube ich nicht.“
„Doch, sie waren es. Ich erfuhr es auch erst an dem Tag, als wir Zoot beerdigten. Ich konnte es damals nicht glauben, aber dann war mit klar, warum Bray niemals schlecht von Zoot redete.“
„Irgendwie ist die Vorstellung, dass die beiden Geschwister sind ziemlich komisch.“
„Kennst du die beiden?“
„Zoot kennt jeder, jeder, der sied dem Virus einmal in der Stadt war, tja und Bray? Ich habe einmal auf meinen Erkundungsgängen Zoot und Ebony belauscht. Sie sprachen von Bray und Trudy, warum die beiden die Locos verlassen hatten und nicht zurück kamen. Es klang alles so, als sei Bray ein Weichei, ein Warmduscher. Ich wunderte mich, warum Zoot nicht so hart über Bray sprach, wie über andere, er sprach irgendwie sanft über ihn. Für seine Verhältnisse gesehen. Ich verstand damals nicht warum, aber jetzt ist es mir klar.“
„Ich hatte es ja damals auch kaum geglaubt. Na ja erinnerst du dich noch an das Stammestreffen?“
„Ich glaube, ja. Wann war das denn noch mal?“
„Mhhh schon eine ganze Weile her, so ungefähr vor einem Jahr muss es gewesen sein.“
„Nun ich war damals auch da, als eine der Anführer der Mallrats. Wir befreiten damals Dal und einen für uns noch fremden jungen Mann von den Sklavenhändlern. Wir mussten flüchten, wenn wir überleben wollten, notgedrungener maßen nahmen wir auch den Fremden mit. Er hieß Sascha, wie wir bald erfuhren. Sascha blieb eine weile bei uns, er brachte neuen Wind in die Mall, er war einfach bei jedem beliebt, bis auf bei Bray, warum Bray so schlecht auf ihn zu sprechen war, erfuhr ich erst später.
Während der Zeit, als er bei uns war, verliebte ich mich in ihn, na ja, nicht wirklich. Er war eine gute Lösung, durch ihn konnte ich Bray für kurze zeit verdrängen. Sascha drängte es in die Freiheit, ich wollte mit ihm kommen, raus aus der Mall, frei von der Verantwortung den kleinen gegenüber. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr merkte ich, dass mich die kleinen brauchten, dass ich mich nicht so einfach der Verantwortung, die ich übernommen hatte entziehen konnte, mich nicht so einfach aus ihrem Leben stehlen konnte und vor allem konnte ich Dal nicht einfach so ohne etwas zu sagen zurück lassen.
Nach einigem hin und her blieb ich schließlich in der Mall. Die ersten Tage, nach der Trennung von Sascha, waren schrecklich, ich dachte die ganze zeit an ihn, wie es jetzt wohl wäre da draußen mit ihm, frei von den Pflichten, Aufgaben in der Mall zu sein. Trudy versuchte mich zu trösten. Es tat gut zu wissen, das ich nicht alleine auf der Welt bin. Das es noch jemanden gibt, der sich auch mal um mich kümmert, dass nicht nur ich mich um die anderen kümmere. Tagelang verkroch ich mich in mein Zimmer, ließ mich nicht blicken und wenn war ich sehr, sehr leicht reizbar. Während ich mich in mein Zimmer zurückzog, funktionierte in der Mall gar nichts mehr, niemand hielt es für Notwendig einen Dienstplan aufzustellen, geschweige denn ihn einzuhalten. Hier wurde mir wieder klar, wie sehr mich die Mallrats doch brauchten. Irgendwann kehrte ich dann wieder in den Alltag zurück.
Schon bald fanden wir Hinweise, die dem Virus auf die Schliche kamen. Die Spur, die wir hatten führte uns nach Hope Island. Als ich den Strand sah erinnerte ich mich, ohne es zu wollen wieder an Sascha, ich muss wohl mit meinen Gedanken weit weggetreten sein. Bray riss mich plötzlich aus meinen Gedanken, in seinem Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, das er besorgt um mich war.
Später in dem Gebäude auf der Insel knisterte es gewaltig zwischen uns, erst dort verfiel ich Bray voll und ganz. Am selben Tag, wieder zurück in der Mall, saß ich Abends in der Kaffeterier und trank einen heißen Kakao, den ich mir gemacht hatte, Irgendwann vernahm ich Schritte, die auf mich zu kamen, es war Bray, der mich fragte, ob er auch einen Schluck haben könnte. Ich erinnere mich ganz genau an den Abend, es ist als sei es Gestern gewesen, ich werde ihn nie vergessen. Ich gab ihm die Tasse mit dem Kakao.
„Mhhh das ist gut. Kakao“ meinte er nach dem ersten Schluck.
„Ja den hat meine Mum früher immer gemacht.“
„So etwas könnten wir öfters hier gebrauchen.“ Schweigen trat ein. Schließlich fragte er mich, ob ich es bereuen würde Sascha verlassen zu haben. Ich antwortete ihm nein, ich würde mich nur fragen, wo ich jetzt mit ihm sein würde, wenn ich mitgegangen wäre. Er meinte ich hätte mit ihm gehen können. Ich wollte aber nicht, ich konnte mich der Verantwortung nicht entziehen, dass sagte ich ihm auch. Ich fragte ihn, das wir nie wussten, ob er zurück kommen würde, wenn er weg war. Er meinte, es gab immer einen guten Grund zurück zu kehren.
„Welchen?“
„Du. Ich war damals eifersüchtig auf Sascha.“
„Weil alle ihn gern hatten?“
„Nein weil du ihn gerne hattest.“ Eine kurze Pause trat ein und er nahm eine Wimper von meiner Wange.
„Eine Wimper, du darfst dir etwas wünschen.“ Ich sah sie mir an.
„Wünsch du dir etwas.“ Er schloss seine Augen. Ich legte die Wimper auf seine Lippen, nahm seinen Kopf in meine Hand und küsste ihn schließlich.“
Ich schließe meine Augen und hole mir somit den damaligen Kuss wieder ganz nah vor die Augen. Ich kann ihn noch heute spüren. Er war so sanft, vorsichtig, zärtlich, aber dennoch bestimmt. Ich werde diesen Kuss nie vergessen. Eine Träne läuft meine Wange herunter, verlässt mein Gesicht über das Kinn, bis die Träne schließlich auf den Boden fällt und in tausend kleine Tropfen zerfällt.
„Mein sehnlichster Traum ging damals in Erfüllung. Ich war nun mit dem Mann zusammen, mit dem ich vom ersten Tag an, seid dem ich ihn kannte zusammen sein wollte. Ich bin so auf ihn hereingefallen, habe ihn geglaubt, blind vertraut und er?
Er hat mir nicht vertraut, hat mir einfach nicht gesagt, dass er mit Ebony zusammen ein Kind hat, dass er sie liebt!
Warum? Warum sagte er mir immer wieder das er mich liebt? Warum vertraute ich ihm nur so sehr? Ich war so verdammt blind! Verdammt, wie konnte er mir nur so weh tun? Wieso?!“ Ich fange an zu zittern, schaue mich ängstlich nach dem Stuhl um, auf dem ich gerade gesessen habe. Vorsichtig mit wackeligen Beinen setze ich mich auf ihn, kauere mich auf ihn zusammen, wie ein kleines Kind das Angst hat, oder wegen etwas weint.
So fühle ich mich jetzt auch, wie ein kleines Kind, dass noch nicht seine Emotionen unter Kontrolle hat. Es ist mir so peinlich Fish-Hawk die Ohren voll zu weinen. Aber ich brauche jemanden, mit dem ich darüber reden kann, bei dem ich Luft ablassen kann, jemanden, der mich versteht, mit hilft in meinem Schmerz und Kummer.
Plötzlich ist alles wieder da. Alles, was ich hoffte halbwegs verdrängt zu haben. Eine starke, warme irgendwie bekannte Hand legt sich auf meine Schulter. Es ist nicht Fish-Hawks Hand, ihre ist leichter und schmaler. Krampfhaft überlege ich zu wem sie gehört. Sie ist mir bekannt, ich gehe alle Männlichen Personen durch.
Pride schießt es mir plötzlich durch den Kopf, es ist Prides hand, die auf meiner Schulter ruht. Denn nur er legt in dieser Weise die Hand auf meine Schulter. Ich sehe auf, ihm direkt ins Gesicht. Auf seinem Kopf trägt er einen Turban, das sieht so unglaublich süß aus. Eagle! Was denkst du dir eigentlich?
„Eagle?“ dieser Tonfall, nur dieses eine Wort, Eagle, lässt mich alles wieder verdrängen, in den Hintergrund drücken. Alles woran ich eben noch gedacht habe ist plötzlich nicht mehr wichtig, ist wie eine weite Erinnerung, ganz fern.
„Alles ok.“ Antworte ich im einem gleichgültigen Ton, meine Gefühle völlig überspielend. Er nimmt seinen Turban ab, so das noch einiges des Wassers in das Handtuch geht. Ich schaue ihm dabei aufmerksam zu, verfolge jede seiner Bewegungen. Je mehr ich ihn beobachte, desto mehr gefallen finde ich an ihm.
Aber Eagle was denkst du dir da eigentlich? Du bist noch nicht ganz über den einen hinweg und schnappst dir schon den nächsten? Das kannst du nicht machen, das ist gegen deine Prinzipien!
„Du solltest dir auch die Haare trocknen.“ Holt er mich aus meinen Gedanken.
„Ja hast du ein Handtuch für mich?“ er dreht sich langsam und geschmeidig um und holt aus einem kleinem Schrank ein großes Handtuch für mich. Ich erhebe mich wieder von meinem Stuhl und bewege mich langsam auf den kleinen Spiegel zu, der in dem Raum hängt. Dort angekommen fange ich an meine nun völlig zerzausten und nassen Knoten zu lösen.
„Soll ich dir helfen Eagle?“ fragt mich Fish-Hawk, während sie langsam auf mich zukommt. Als antwort nicke ich schwach. Vorsichtig hilft sie mir, immer darauf bedacht mir nicht weh zu tun. Schon nach kurzer Zeit haben wir gemeinsam meine Knoten geöffnet. Dafür das sie so zerzaust waren, gingen sie ganz gut zu öffnen und vor allem hat es nur etwas geziept.
“Ich kämme sie dir, ok?“ Wiederum nicke ich Fish-Hawk schwach zu. Der Regen hat mich mehr erschöpft als ich dachte. Am liebsten würde ich in mein Bett gehen, mich einfach drauf schmeißen und ausruhen. Mal wieder allein sein, allein mit meinen Gedanken. Aber ich kann ich nicht ewig in mein Schneckenhaus verkriechen. Der Stamm scheint mich fürs erste akzeptiert zu haben und nun liegt es an mir, ein richtiges, anerkanntes Mitglied der Gians zu werden.

Ich sehe auf, Fish-Hawk kämmt noch immer vorsichtig meine Haare. Sie ist unglaublich geschickt, ich merke kaum, das sie mir die Haare kämmt. Irgendwann hört sie auf. Ich drehe langsam, ganz langsam meinen Kopf, um nach ihr zu sehen, aber sie steht nicht mehr hinter mir. Jemand anderes steht dort. Es ist wiedereinmal Pride. Er steht ganz still dort, kein Muskel bewegt sich an ihm, über sein Gesicht fährt lediglich sein leises Lächeln, das er mir schon so oft geschenkt hat. Das mir immer wieder Mut gibt. Es zeigt mir, das ich noch jemanden auf dieser Welt wichtig bin. Ein wohlig warmer Schauer läuft mir den Rücken herunter, während ich mir sein Lächeln besehe.
Je mehr ich nachdenke, desto mehr bin ich davon überzeugt, das mir Pride von tag zu Tag, von Stunde zu Stunde immer wichtiger wird. Verdammt Eagle! Du weist ganz genau, das du immer Bray lieben wirst! Du kannst dich noch so sehr da gegen weheren, aber tief in deinem Herzen liebst du ihn noch immer. Auch wenn er dich so verletzt hat! Gestehe ich mir selber ein. Während ich mir selber über diese Dinge klar werde legt mir Pride mit seinen geschickten und sanften Händen einen Turban an.
„Danke Pride.“
„Alles wieder ok?“
„Ja nur noch etwas erschöpft. Und wie steht es mit dir?“
„Ich bin auch geschafft. Ich glaube, ich ziehe mich besser zurück. Du weißt ja, wo mein Zimmer ist.“ Ich nicke stumm. Schade das er jetzt geht, jetzt hätte ich mich gerne mit ihm unterhalten. Ich habe einfach das Bedürfnis danach. Vielleicht habe ich das aber auch nur, weil ich nicht alleine sein will.

Meine Augen durchstreifen langsam den Raum. Nach einer Weile habe ich gefunden, was ich suchte. Da hinten in der Ecke steht sie, zusammen mit anderen Gians. Fish-Hawk. Sie ist auch total nett. Ich hoffe das ich mit ihr und Pride Fuß fassen kann. Alleine würde ich es glaube ich nicht schaffen. Ich geselle mich langsam und leise zu ihnen. Ich will nicht die angeregte Unterhaltung stören. Ich komme auch unbemerkt bei ihnen an. Aufmerksam lausche ich der Diskussion. Nach einer Weile habe ich raus worum es geht.
Sie beraten darüber wo sie das nächste Getreidefeld anlegen sollen. Viele verschiedene Vorschläge wurden bereits gemacht, aber kein einziger war so wirklich gut. Entweder ist die Fläche zu klein, zu weit weg, zu angreifbar usw. Nach und nach sind immer mehr dafür, dass das Getreidefeld außerhalb des Waldes, fast am Rande der Stadt angelegt wird, jedoch wissen alle, das sie dort leicht entdeckt werden könne. Das sie dort ein leichtes Objekt für die gewalttätigen Stämme sind.
„Der Wald hat doch eine große Lichtung oder?“ Werfe ich einfach die Frage ein. Alle drehen ihre Köpfe in meine Richtung und sehen mich fragend an.
„Ja wieso?“ fragt ein relativ junger Mann, in dieser Zeit gesehen, in der Zeit ohne Erwachsene, in der zeit, Welt, in der alle um ihr Leben bangen. Wo Angst etwas alltägliches geworden ist. Nur wenige können hier mal ihre Angst vergessen. Einen Moment des Friedens genießen. Aber wo gibt es hier Frieden für längere zeit? Meistens sind es nur kleine Verschnaufpausen, ein paar Tage später muss man wieder um sein Leben bangen. Jedes Mal, wenn man sich aus seinem versteckt wagt, muss man aufpassen das man nicht entdeckt wird. Diese Gedanken rasen mir innerhalb von Sekunden durch den Kopf.
„Man könnte das Feld auf einer der Lichtungen anbauen. Die Lichtungen sind tief im Wald, kaum jemand kennt sie und vom dichten Gestrüb gut geschützt. Feinde hätten es schwer dort anzugreifen.
„Die Idee ist gut Eagle. Was meint ihr dazu?“ alle nicken zustimmend. Ich hatte nicht gedacht, das meine Idee sofort Zustimmung findet.
„Lasst uns die Lichtung östlich von hier nehmen. Sie müsste groß genug sein und ist meines Wissens nach genug geschützt." Wiederum stimmen alle zu.
„Am besten wäre es, wenn wir gleich Morgen anfangen das Feld zu bauen. Dann müssten wir in einem bis zwei Monaten schon die erste Ernte einholen können.“
„Die Idee ist super Eagle! Wer kommt Morgen früh alles mit?“ Nur Fish-Hawk und ich melden sich. Der Tribe scheint doch nicht so gut zu laufen, wie ich am Anfang dachte.
„Sonst niemand? Dann müssen wir drei wohl die ganze Arbeit alleine verrichten.“
„Alleine wird es aber sehr lange dauern und sehr anstrengend werden.“
„Stimmt Fish-Hawk.“ Stimme ich zu.
„Wenn nur wir drei uns um das Feld kümmern, dann haben wir bei der nächsten Ernte nicht mehr Getreide. Und wenn ich dass richtig sehe, dann wird hier doch mehr Getreide benötigt, oder?“ Alle nicken stumm.
„Aber warum helft ihr dann nicht? Jeder einzelne von uns ist auf das Getreide angewiesen. Ohne das Feld haben wir weniger Nahrung. Wenn wir es nicht anbauen, dann müssen wir in kürze hungern. Wollt ihr das, wollt ihr hungern? Wollt ihr raus müssen in die Stadt, elendig wie die anderen nach Dose suchen? Dosen, die schon längst das Verfallsdatum überschritten haben? Wollt ihr bei anderen Stämmen betteln gehen, nach einwenig Nahrung, die dann eh kaum für den einzelnen reicht, geschweige denn für uns alle? Wollt ihr das wirklich?“ Alle, bis auf Fish-Hawk und der Junge Mann schauen resignierend zu Boden. Meine Rede schein gesessen zu haben.
„Wer will uns helfen?“ hake ich einmal nach. Langsam, den Blick noch immer am Boden haftend hebt einer nach den anderen den Kopf, langsam, und zögernd gehen die Hände ebenfalls in die Höhe.
„Also gut, dann werden wir Morgen alle gemeinsam an unserer Zukunft arbeiten.“ Werfe ich in die noch immer schweigende Menge. Alle senken wieder ihren kopf, scheinen über meine Rede nachzusinnen.
Plötzlich, hebt ein kleines Mädchen, vielleicht 8 Jahre alt ihren Kopf schaut mich begeistert an und fängt an zu applaudieren. Ich verstehe im ersten Moment nicht warum. Aber dann wird es mir klar. Nach und nach fangen alle an zu applaudieren, sehen zu mir, lächeln mich an. Fish-Hawk tritt zu mir:
„Das ist dein Applaus. Du allein hast unseren Stamm einen Schritt näher zusammen gebracht. Vielen Dank dafür.“ Jetzt fängt auch sie an zu klatschen. Ich bin gerührt, damit hatte ich nicht gerechnet. Zum ersten mal nach dem Eagle-Mountain bedeute ich etwas. Langsam bekomme ich meine alte Stärke wieder.
„Danke Eagle!“ Es ist Pride, er steht dicht hinter mir, er muss wohl den tosenden Applaus gehört haben. Ich drehe mich um, schaue ihm bewusst in sein Gesicht. Ich kann aus seinem Zügen so viel Dankbarkeit entnehmen. Ich nicke Pride freundlich zu. Über sein Gesicht gleitet wieder ein Lächeln, dass für ihn so typisch ist. Dieses mal verschwindet es jedoch nichtgleich wieder, sondern festigt sich zu einem fröhlichem Lächeln. Es ist so warm und dankbar.
Meine kleine Rede und so eine große Wirkung. Diesen Tribe fehlt das Vertrauen in einander, die Zusammengehörigkeit. Sie bestehen einfach nur aus mehreren Kiddis, die sich zusammengefunden haben, um zu überleben, um sich Schutz zu geben, nicht mehr und nicht weniger. Bei den Mallrats war es ja am Anfang nicht anders. Wir flüchteten einfach nur vor den Locos und fanden uns nur deshalb zusammen, um uns besser vor ihnen schützen zu können. Ich weiß noch genau, wie ich damals mit Cloe, Patsy, Paul und Salene die große Mall betrat, so leer und riesig, einst war sie prall gefüllt mit Menschen.
Die Erinnerung an damals schmerzt, wie so vieles, was vor dem Virus war. Nicht nur die Zeit vor dem Virus schmerzt, alles bis zu dem Tag, als mich Pride fand schmerzt, tut einfach nur höllisch weh. Ja Pride, der mich einfach mit nahm, mich behandelt, als seien wir schon ewig und drei Tage Freunde. Es ist fast so wie mit Bray, ich fühlte mich von Anfang an verbunden mit ihm, ich liebte Bray damals vom erste Augenblick an. Bei Pride ist es ähnlich, aber ich liebe ihn nicht, Freunde nicht mehr. Manchmal habe ich das Gefühl, das ich für ihn mehr bin, mehr als nur eine gute Freundin, obwohl ich ihn erst seid geraumer Zeit kenne.

Jemand umarmt mich, ich löse meinen erstarrten Blick und schaue sie an. Es ist Fish-Hawk, sie ist so glücklich, dass ihr ein paar Tränen über die Wange laufen. Vorsichtig wische ich sie ihr weg und schließe sie anschließend ganz fest in meine Arme. In mir kommen so viele alte, schon fast vergessene Gefühle hoch. Ich komme mir vor, als sei ich Amber. Die, die ich eigentlich nicht mehr sein will. Ich kann dagegen einfach nichts machen, ich fühle mich mit diesem Tribe so verbunden, ich will ihnen helfen, so wie ich damals Patsy und Co geholfen habe. Ich will aber nicht noch einmal die ganze Verantwortung für einen Tribe tragen. Wie oft musste ich schwere Entscheidungen alleine fällen, die ich nicht fällen wollte. Wie oft war ich allein in meinem Zimmer? Wie oft haben sich alle bei mir ausgeweint, wie oft war ich die „Mutter“ des Tribes? Immer wieder war ich diejenige, die streng sein musste, die durchgreifen musste. Ich musste stark sein, dabei bin ich nicht stark, ich bin eine Porzellanpuppe, die man ganz einfach zerschlagen kann.
Nein, ich bin zerschlagen, zu Boden geschmettert, zerstört. Ebony hat mir das angetan, sie hat mir mein Leben genommen. Meine Liebe. Pride war es, der mir geholfen hat mit dem Schmerz besser umzugehen. Er zeigte mir durch seine liebvolle Pflege, das ich doch noch etwas Wert bin, das es sich lohnt zu Leben. Er hat mir bis jetzt so vieles gegeben, und ich? Ich habe ihn noch nichts geschenkt, Nun ist es an mir, etwas zurück zugeben. Heute habe ich allen Gians etwas gegeben, ein Gefühl der Gemeinschaft. Ich hab ihn gezeigt, wie es wirklich aussieht.
Noch immer umarme ich Fish-Hawk., langsam löse ich mich von ihr.
„Danke Eagle, Danke!“
„Ich bin müde. Ich werde schlafen gehen. Und wer Morgen mitkommen will, der sollte ausgeruht sein.“ Rufe ich den letzten Satz etwas lauter in die fröhliche Menge hinein. Als meine Stimme die Gians erreicht ist alles still, alle lauschen meinen Worten, man könnte fast meinen, das sie jedes einzelne Wort von mir aufsaugen. Ja, es sieht fast so aus, als wollten sie mich mit Haut und Harr verschlingen. Es kommt mir vor, als würde ich vor den Mallrats stehen, sie haben damals am Anfang auch so das gestanden, sahen mich genauso an. Wobei Lex aus der Reihe fiel. Er wollte immer sein eigenes Ding machen. Wie hatte ich ihn noch gleich genannt? Psychoterminator. Ja so hatte ich ihn genannt und Jack? Jack war der Technikspinner. Eigentlich hätte jeder einen Spitznamen haben müssen, wir waren alle so unterschiedlich, aber dennoch ein Tribe. Ein Tribe, der wenn es darauf ankam, für einander da war, sich gegenseitig half.
Während meine Gedanken um die Mallrats kreisen schlendere ich in die Richtung meines Zimmers. Langsam, in meinen Erinnerungen schwelgend betrete ich das Zimmer, eine frische Briese Waldluft kommt mir entgegen. Ich atme sie tief ein. Es scheint, als würde ein schwerer Panzer von mir abfallen. Endlich bin ich frei, ja so frei wie ein Adler!
Adler, ja nur dieses eine Wort verfolgt mich immer wieder. Ich heiße jetzt Eagle, gefunden am Eagle-Mountain, dahin gekommen, durch eine Vision von Tai-San, in der ein Adler vorkam. Ich selbst träume schon von Adlern, höre sie kreischend durch die Lüfte fliegen. Wie gerne würde ich mit ihnen tauschen, mich in die Luft erheben, mir die Welt von oben ansehen, einfach frei sein, nur einmal meine Freiheit genießen, immer bin ich gebunden. Früher an meine Eltern; ich vermisse sie so sehr, wie gerne würde ich noch einmal den Klang ihrer Stimmen vernehmen, sie noch einmal berühren, nur einmal. Ich konnte mich nicht wirklich von ihnen verabschieden. Sie erkrankten an den Virus, litten und starben einfach so vor meinen Augen. Ich habe gesehen, wie sie noch einmal tief Luft holten, wie sie noch einmal zum sprechen ansetzten, aber es ging nicht mehr, sie waren tot. Tot, nie mehr werden sie zurückkommen, nie mehr. Ich wüsste gerne was sie mir noch sagen wollten. Ich wollte ihnen noch so vieles sagen, aber dann waren sie tot, sie konnten mich nicht mehr hören. Ich hatte so viele Gelegenheiten ihnen zu sagen das ich sie liebe und jetzt? Jetzt habe ich nie wieder die Chance dazu.
Ich schlucke hart. Es tut so weh daran zu denken. Ich hole tief Luft, versuche dadurch die Gedanken an damals von mir abzuschütteln, aber es gelinkt nicht so wie ich will, noch immer ist ein Rest da. Eigentlich will ich von heute an nicht mehr an die Vergangenheit denken, nur noch an die Zukunft, sie ist alles was zählt. Die Vergangenheit ist einfach zu schmerzhaft. Es tut einfach weh an die Zeit vor dem Virus zu denken, an die Mallrats zu denken, es ist aber so unglaublich schwer das alles zu verdrängen, einfach hinter mir zu lassen. Sie sind alle ein Teil von mir, sie gehören in mein Leben. Ständig kommt die Frage in mir hoch, was die Mallrats jetzt wohl machen, ob sie um mich trauern, oder ob sie mich einfach so vergessen haben. Es ist alles so schwer und dabei könnte es so einfach sein. Mein neues Leben ist so unglaublich nahe, zum greifen nah und meine Gedanken können einfach nicht von der Vergangenheit ablassen. Ich will nur noch an die Zukunft denken, die hier vor mir steht. Ich muss sie nur annehmen, sie einfach akzeptieren. Meine Vergangenheit einfach wegsperren und sie nie, nie wieder heraus lassen.
Wieder streift mich ein Luftzug. Ich fröstele leicht und schließe das Fenster. Ich fange herzhaft an zu gähnen. Meine Blicke fangen an durch den Raum zu schweifen. An meinem Bett bleiben sie haften. Es wird wohl besser sein wenn ich mich jetzt schlafen lege. Schläfrig und kaputt trotte ich auf mein Bett zu. Langsam entledige ich mich meiner Kleider und ziehe das dunkel grüne Seiden Nachthemd, dass auf meinem Bett liegt an. Ordentlich lege ich meine Anziehsachen auf einen Stuhl, der in dem Zimmer in einer Ecke steht. Vorsichtig streife ich mit meinen Fingern über die Federn, sie sind so weich. Langsam trenne ich mich von meiner Kleidung und lege mich schlafen. Noch lange kreisen meine Gedanken in der Vergangenheit umher. Irgendwann fällt es mir immer schwerer die Augen offen zu halten und ich schlafe ein.

Ich erwache und spüre, wie mich jemand sanft, aber bestimmt an den Schultern rüttelt.
„Eagle aufstehen. Wir müssen das Feld fertig machen, hast du das schon vergessen? Aufstehen!“ Langsam und gequält öffne ich die Augen, wie gerne hätte ich noch weiter geschlafen.
„Ist ja gut Pride, ich stehe ja schon auf!“ sage ich sehr müde und schlaftrunken.
„Heye du bist gestern doch schon so früh ins Bett gegangen und dennoch so müde?“
„Ja schon, aber Waldluft macht bekanntlich müde und hungrig.“ Ein müdes Lächeln gleitet über mein Gesicht. Pride huscht ebenfalls ein Lächeln übers Gesicht, das sich schnell zu einem fröhlichen Lachen entwickelt. Ich glaube, dass es da erstemal ist, dass ich ihn lachen sehe. Sein Lachen ist so süß und anstecken, es dauert nicht lange und ich muss mitlachen.
„Komm lass und frühstücken gehen.“ Sagt Pride glucksend. Ich nicke und lache währenddessen herzhaft weiter. Eigentlich weiß ich schon fast gar nicht mehr, warum ich lache. Es tut einfach nur gut mal wieder zu lachen, besonders mit Pride. Selbst als wir beim Frühstück angekommen sind, könne wir nicht aufhören zu lachen.
Doch schon kurze zeit später höre ich auf zu lachen, verstumme plötzlich, bin einfach nur noch überwältigt. Der ganze Stamm ist hier versammelt, ich hatte höchstens mit einem Viertel gerechnet, aber sind alle da, ausnahmslos. Wirklich jeder Platz ist belegt, bis auf der von Pride und der meinige. Ich wage es kaum zu atmen, so überrumpelt bin ich. Ganz langsam, mit butterweichen Knien taumle ich zu meinen Platz, muss mich erst einmal setzen.
Pride muss gesehen haben, dass meine Beine weich geworden sind, sofort steht er bei mir, jederzeit darauf bedacht mir helfen zu müssen.
„Eagle, alles in Ordnung?“
„Ja, ich hatte nur nicht mit den gesamten Stamm gerechnet.“ Ein Schweigen tritt plötzlich ein, niemand sagt mehr ein Wort. Sie schauen alle gespannt zu mir, es scheint mir, als wollten sie, dass ich mehr sage.
„Dann lasst uns in Ruhe frühstücken und dann geht’s frisch ans Werk.“ Sind meine einzigen Worte. Alle nicken und beginnen zu essen. Nach und nach löst sich das Schweigen, entwickelt sich zu einem Gemurmel. Es ist nicht viel Auswahl zum essen da, etwas Brot und selbstgemachte Marmelade. Sie ist zwar nicht stark gesüßt, schmeckt aber dennoch ziemlich gut, dazu gibt es etwas Wasser zum trinken. Was anderes als Wasser ist ja auch schwer zu bekommen, man müsste sich Säfte oder so selber machen.
Es dauert nicht lange und alle sind mit ihrem frühstück fertig. Wiedereinmal sehen mich alle an, wieder mit den selben fordernden Blicken. Ich erhebe mich von meinen Platz, damit man mich besser sieht und beginne zu sprechen.
„Ok. Jeder packt sich so viel Proviant ein, wie er benötigt, ich denke, das wir erst gegen Abend zurück kehren werden. Ich fände es schön, wenn sich 5 Mann bereit erklären würden hier zu bleiben, da ich ungern das Lager unbeaufsichtigt zurück lassen möchte.“ Alle schauten sich gegenseitig an, anscheinend wollte niemand hier zurück bleiben. Ich hoffe, dass sich jemand meldet, ich möchte nicht einfach jemanden bestimmen. Ah da einer meldet sich super. Ein leichtes Lächeln gleitet über mein Gesicht. Da noch eine Hand geht nach oben, noch eine, noch eine und noch eine.
Bis jetzt sind es drei recht stark wirkende Männer und eine Frau, die ein kleines Kind auf dem Schoß sitzen hat. Ich vermute das es ihr eigenes ist. Sie muss wohl schon einiges mitgemacht haben, wie ihr düsterer Gesichtsausdruck vermuten lässt. Neben ihr sitzt noch ein Mädchen mit einem Kind auf dem Schoß. Sie hebt nun auch ihre Hand.
„Ok, ihr fünf bleibt hier. Der Rest findet sich bitte in 15min. am Lagerfeuerplatz ein. Danke.“ Nun setze ich mich wieder.
Pride lächelt mich an:
„Hätte ich das so gesagt, dann wären alle hier geblieben.“
„Ich schein die halt alle mitzuziehen.“
„Ja das tust du!“
„Darf ich dich was fragen Pride?“
„Ja klar.“
„Wieso hören die Gians auf mich, obwohl sie mich nicht kennen?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Es liegt wohl an deiner Art andere mitzureißen. War das schon immer so?“
„Ich weiß nicht wies die anderen empfunden haben, aber seid dem Virus habe ich immer eine, na ja, wie soll ich sagen führende Rolle gehabt.“
„Du warst mal eine Anführerin, oder?“
„Lass uns nicht davon sprechen, das ist Vergangenheit, was zählt ist die Zukunft und nichts anderes mehr. Was vorbei ist, ist vorbei!“ Eigentlich wollte ich ihn nicht so angefahren haben, aber er hat die Vergangenheit angesprochen, über die will und kann ich nicht mehr sprechen.
„Tut mir leid.“
„Ist schon ok Pride, nur bitte versuch nie wieder mit mir über die Vergangenheit zu sprechen. Ich kann das nicht - noch nicht.“
„Wenn du jemanden zum Reden brauchst, ich höre zu.“
„Danke Pride. Wir sollten unsere Sachen zusammen packen.“

Damit stehe ich auf und gehe ins haus, um dort zutrinken und essen einzupacken. Ein Apfel, ein Paar Schnitten Brot und eine Plastikflasche voller Wasser, dass müsste reichen. Ich schnüre langsam den kleinen Rucksack zu. Die anderen sind mittlerweile auch schon fertig. Ich geselle mich zu ihnen.
„Eagle?“
„Ja?“
„Sollten wir nicht noch ein paar Spaten usw. mitnehmen?“
„Du hast recht Fish-Hawk. Wo lagert ihr sie denn?“
„Komm ich zeige es dir.“ Mit diesen Worten ergreift sie meine Hand und führt mich in einen kleinen Raum. Mein Mund bleibt vor staunen offen stehen.
„Wow! Wo habt ihr das alles her?“
„Ach. Das haben wir und zusammen gesucht.“ Langsam trete ich in den Raum und sehe mich um. An den Wänden stehen jede Menge Spaten, Sicheln, Gartenscheren, alles mögliche was man in einem großen Garten so braucht.
„Entscheide du was wir brauchen. Du kennst dich mit dem Anbau von Getreide mit Sicherheit besser aus als ich.“ Sieh geht einmal durch den ganzen Raum und mustert jedes einzelnen Werkzeug.
„Also, ich denke wir sollten sieben Spaten mitnehmen. Die Sicheln brauchen wir heute ja noch nicht. Dann sollten wir noch 10 von diesen Teilen mitnehmen.“ Sie deutet auf die Geräte, mit denen man den Boden auflockert.
„O.k.“ Ich gehe zur Linken Wand hinüber und nehme die Spaten von der Wand. Sie nimmt sich die restlichen Sachen. Nachdem ich alle in der Hand habe sehe ich sie an. Anschließend mache ich mich auf und verlasse den Raum.
„Beeil dich Eagle, wir kommen sonst noch zu spät!“ Hastig gehe ich ihr hinter her. Draußen werden wir schon von den anderen erwartet.
„Da seid ihr ja.“ Ruft uns Pride entgegen.
„Ohne die hier hätten wir aber auch nicht gehen können.“ Entgegnet ihm Fish-Hawk.
„Stimmt.“ Ich habe während dessen begonnen die Sparten zu verteilen.
„Sind alle da?“ frage ich anschließend.
„Ok. Dann wollen wir mal los.“ Mit diesen Worten stelle ich mich neben Pride und gehe in die Richtung der Lichtung. Der Weg zu der Lichtung ist gar nicht so einfach. Wir müssen einige steilere Hügel den Berg hinauf gehen, bis wir dann endlich wieder in der Ebene der Lichtung ankommen. Auf dem ganzen Weg habe ich kaum gesprochen. Meistens nur kurze knappe Sätze. Mir ist einfach nicht nach Reden zu mute. Auf der Lichtung halten wir an. Ich stehe erst einmal da und genieße die Sonnenstrahlen, die warm und sanft auf mein Gesicht fallen.
„Eagle...Eagle!“ Höre ich aus der ferne. Ich drehe meinen Kopf zu der Richtung, aus der die Stimme kommt. Es ist Pride, der hastig auf mich zu gerannt kommt.
„Eagle, hier ganz in der Nähe liegt ein fremder Stamm!“ Ich sehe ihn fragend an.
„Ich weiß nicht, ob sie friedlich sind.“
„Denkst du, dass wir einen anderen Platz suchen sollten?“
„Ich denke, dass es besser wäre.“ Pride sieht mir sorgenvoll ins Gesicht.
„Weißt du was Pride? Ich gehe zu ihnen und rede etwas mit ihnen.“
"Bist du dir da sicher?“ er schaut mich ernst und etwas besorgt an. Ich entgegne ihm mit einem festen Gesichtsausdruck. Ich schwenke meinen Kopf hinüber in die Richtung, aus der Pride vor nur wenigen Augenblicken gekommen war.
Pride Blicke ruhen nachdenklich auf mir, ich kann sie schon beinahe spüren. Langsam gehe ich auf die andere Seite der Lichtung zu. Kaum bin ich losgegangen, spüre ich auch schon eine starke, warme und vertraute Hand auf meiner Schulter. Ich drehe mich leicht herum, es ist Pride, der hinter mit steht. Er sieht mich entschlossen an
„Ich komme mit dir.“ Ein dankbares Nicken ist meine Antwort. Gemeinsam mit ihm setzte ich nun meinen Weg durch das hohe und dichte Gras der Lichtung fort. Am Rande der Lichtung angekommen übernimmt Pride kurzerhand die Führung und weist mir so den Weg zu dem fremden Stamm.
Am Rand des Lagers angekommen, lasse ich meine Blicke aufmerksam über das Gelände schweifen. Schon wenig später werden bereits die ersten Mitglieder des Stammes auf uns aufmerksam. Es dauert nicht lange und eine kleine Gruppe aus ungefähr sechs Personen nähern sich uns. Sie machen einen freundlichen Eindruck, jedoch kann dies auch täuschen. Trotz alledem gebe ich mir einen Ruck und mache die ersten Schritte auf die Gruppe zu. Pride folgt mir zögerlich. Schon bereits nach wenigen Schritten stehen wir uns gegenüber.
Neugierig mustere ich sie mit meinen Augen und versuche sie einzuschätzen. Ein recht großer Mann, er ist ungefähr ein und einen halben Kopf größer als ich tritt einen kleinen Schritt vor. Seine Gestalt ist hünenhaft und furchteinflößend. Ich versuche mir nicht anmerken zulasen und sehe ihm fest ins Gesicht.
„Was möchtet ihr beiden hier?“
„Wir wollten gerne mit eurem Anführer sprechen.“
„Er steht bereits vor euch. Was wollt ihr von mir?“
„Nunja, hier ganz in der Nähe“, beginne ich zu sprechen, „liegt eine Lichtung, die recht fruchtbar ist. Mein Stamm und ich wollten dort ganz gerne ein Feld anlegen.“
„Was haben wir damit zu tun?“ fragt mein Gegenüber.
„Wir dachten, dass wir euch eventuell stören, wenn wir hier nun unser Feld anlegen. Um es richtig bestellen zu können, werden wir nun bald regelmäßig hier her kommen müssen.“
„Ihr könnt euer Feld hier in Ruhe anlegen. Schon Morgen werden wir weiter ziehen. Wir verweilen nie lange an einem Ort.“
„Gut.“ Ich wende mich Pride zu und mache ihm mit meinen Blicken deutlich, dass ich das Gespräch für beendigt halte und gehen möchte. Nur mit einem Winken verabschieden wir uns von den anderen und kehren dann Wortlos zur Lichtung zurück.

Ein mulmiges Gefühl beginnt sich in meiner Magengegend breit zu machen, irgendwie ist mir nicht ganz wohl bei der Sache. Das Gespräch ist so seltsam verlaufen, ja schon beinahe so, als gäbe es etwas, das sie uns verschweigen.
„Pride?“
„Mhhh?“
„Hast du auch ein ungutes Gefühl?“
„Ja, mir ist die Sache auch nicht ganz koscha.“
„Ich denke es ist besser, wenn wir etwas vorsichtiger sind. Haben wir genügen Leute hier, um ein paar Wachen abstellen zu können?“
„Ich glaube schon. Ich werde die besten auswählen.“
„Danke Pride.“ Sein Blick wird mit einem male seltsam, es scheint mir fast so, als sei es für ihn ungewohnt, dass ich mich gerade bei ihm bedankt habe. Er muss wohl in der letzten Zeit selten ein Dankeschön gehört haben.
Ich schaue mich auf der Lichtung um, sehe mit erstaunen, mit welchem Eifer die Gians dabei sind die Felder vorzubereiten. Zufrieden, mit einem Lächeln auf dem Gesicht mache ich mich auf um ihnen zu helfen.
„Wie kann ich euch helfen?“ einer der Gians hebt daraufhin seinen Kopf und sieht mich abschätzend an. Er scheint zu überlegen, welche Aufgabe er mir geben kann. Nach kurzen grübeln meint er zu mir:
„Du kannst dort drüben schon mal anfangen die Erde umzugraben.“ Während er dies sagt deutet er mit seiner Hand auf den Bereich eines Feldes, den er meint.
„Ähm, weist du wo die Spaten sind?“ frage ich leicht verlegen. Wieder deutet er in die selbe Richtung und meint:
„Dort müssten noch einige liegen, wenn nicht müsstest du mal Kröte fragen.“ Ich nicke nur stumm und begebe mich zu meiner Arbeit. Als ich dort ankomme, kann ich keine Spaten entdecken. Mit meinen Augen suche ich angestrengt den Boden ab, aber ich kann keinen Spaten entdecken. Sie müssen also wo anders hingebracht worden sein. Mein Blick schweift in die Umgebung ab. Und tatsächlich, ein paar Meter östlich von mir stecken einige beisammen in der Erde. Von dort hole ich mir einen Spaten und beginne die Erde umzugraben.
Die Arbeit ist gar nicht so leicht, da der Boden noch sehr fest ist. Schon nach kurzer Zeit fangen meine Muskeln an zu ermüden. Es ist schon erstaunlich wie anstrengend eine solch einfach Arbeit sein kann. Langsam spüre ich, wie sich Schweiß auf meine Stirn bildet. Schon jetzt merke ich wie sich einige, kleine Tropfen bilden, die langsam anfangen mein Gesicht entlang nach unten zu kullern, bis sie auf den Boden tropfen und ihn befeuchten.
Ich lasse mich jedoch nicht von ein paar Schweißtropfen von meiner Arbeit abhalten und mache unermüdlich weiter. Von Minute zu Minute fällt mir jeder einzelne Spatenstich schwerer. Mein Körper sehnt sich nach Pause und Erfrischung. Ich kann nicht anders und ramme den Spaten in den Boden um mich dann in das weiche Gras fallen zu lassen. Doch dass ist irgendwie nicht das richtige, Die Sonne brennt auf meiner Haut, in meinem Kopf beginnt es zu stechen. Ich muss hier weg, raus aus der Sonne, in den Schatten. Langsam stehe ich auf und recke mich kurz. So schnell ich kann gehe ich rüber zum Waldrand und lasse mich auf einem Baumstumpf, der dort glücklicherweise steht nieder. Allmählich spüre ich wie der Schatten mir gut tut.